6 Schlussbetrachtung

Die Umsetzung der Millennium Development Goals liegt insgesamt weit hinter den formulierten Zielsetzungen zurück. Das exponentielle Wachstum der Mobilfunkmärkte in den Entwicklungsländern bietet in diesem Zusammenhang jedoch neue Chancen, IKT zur Effektivitätssteigerung in die Entwicklungszusammenarbeit einzubinden.

Nachdem viele ICT4D-Initiativen gezwungen waren, einen Großteil der Ressourcen der technischen Umsetzung zu widmen, können sie mit dem Mobilfunk nunmehr eine zunehmend verfügbare und etablierte Technologie nutzen, um einen Beitrag zum Erreichen der MDGs zu leisten. Hierbei zeigt die vorliegende Arbeit die Potentiale der diversen Anwendungsbereiche und die allgemeinen entwicklungsrelevanten Dynamiken des Mobilfunks in Entwicklungsländern, wobei der mögliche Einfluss der Mobilfunknutzung auf die einzelnen MDGs differenziert bewertet werden musste.

Obgleich es sich um ein noch sehr junges Forschungsfeld handelt, konnten verschiedene Studien die positiven ökonomischen Auswirkungen belegen. Zum einen fördert die Mobilfunknutzung die Einkommensgenerierung, zum anderen senkt sie die Transaktionskosten für den Bezug von Informationen. Darüber hinaus ermöglicht sie vielen Menschen die Teilnahme am formellen Finanzsystem, von dem viele von ihnen zuvor ausgeschlossen waren. Wenngleich in diesem Zusammenhang positive Impulse festgestellt werden konnten, sieht der Verfasser die Frage nach den ökonomischen Auswirkungen der Mobilfunknutzung auf Menschen, die in extremer Armut leben, von der Forschung für unzureichend geklärt.

Die Nutzung des Mobilfunks kann die Bekämpfung von Hunger und Armut positiv beeinflussen. Auch im Gesundheitssektor verspricht der Einsatz von m-health- Anwendungen große Potentiale. In welchem Maße sie zu einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung bis zum Jahre 2015 beitragen können, wird wesentlich von einer zeitnahen Implementierung der aufgezeigten Technologien und Konzepte abhängen.

Wie diese Arbeit verdeutlicht, können die Anwendungen aus den Bereichen Bildung und Regierungsführung ihre Wirkung zum momentanen Zeitpunkt und aller Voraussicht nach auch innerhalb des vereinbarten Zeitrahmens für die Realisierung der MDGs nur bedingt entfalten. Die Auswirkung auf das Unterziel der nachhaltigen ökologischen Entwicklung muss eindeutig negativ bilanziert werden.

Betrachtet man die vielseitigen Einsatzgebiete des Mobilfunks, wird die Abhängigkeit der Effektivität von den technischen Möglichkeiten deutlich. Als am besten funktionierende Anwendungen können diejenigen mit einem klaren inhaltlichen Fokus angesehen werden. Dieser Umstand erklärt die Schwächen der Anwendungen im Bereich m-learning und m-government, bei denen komplexe inhaltliche Anforderungen bestehen und deren Umsetzung daher mit der Beschränkung auf Sprachdienste und SMS schwierig ist. Voicemail-Systeme und innovative Ansätze zur Nutzung von Internetapplikationen über Sprachdienste können hierbei helfen, jedoch verursachen die relativ hohen Preise für Sprachdienste häufig Probleme bei der Implementierung derartiger Lösungen. In diesem Zusammenhang verspricht die zukünftige Verfügbarkeit des Mobile Web neue Chancen für eine effektivere Gestaltung dieser Anwendungen.

Zusammenfassend kann die eingangs formulierte Hypothese, dass die zunehmende Nutzung des Mobilfunks in den Entwicklungsländern sich positiv auf die Bemühungen zur Umsetzung der Millennium Development Goals auswirkt, nur bedingt bestätigt werden. Diese Einschränkung ist vorzunehmen, da die Mobilfunknutzung auf die Realisierung der jeweiligen MDGs zwar größtenteils positiv wirkt, jedoch auf einzelne Ziele nur einen schwachen Einfluss ausübt. Darüber hinaus konnten die meisten dargelegten Auswirkungen der Mobilfunknutzung bisher nicht empirisch belegt werden.

Forschungsbedarf besteht vor allem bei der Verifizierung der antizipierten Potentiale der Mobilfunknutzung, da empirische Studien auf diesem Gebiet bisher kaum existieren. Betrachtet man die rasante Ausbreitung des Mobilfunks in den Entwicklungsländern innerhalb der letzten Jahre und die notwendige Komplexität der Studien, die dessen Einfluss empirisch belegen wollen, ist es nicht verwunderlich, dass bisher ein Mangel an derartigen Studien besteht. Dennoch ist hierin unbedingt ein Schwerpunkt zukünftiger Forschung zu sehen, um sich somit wirklich funktionierenden Lösungen anzunähern. Weiterhin sieht der Verfasser Bedarf bei der Untersuchung eventueller negativer Auswirkungen der Mobilfunknutzung im Entwicklungskontext.

Wie die Ausführungen in Kapitel 5 zeigen, kann die Mobilfunknutzung die Umsetzung der MDGs in vielfältiger Weise unterstützen. Betrachtet man die Wirkungsweise über 2015 hinaus, so ist für alle Bereiche bis auf die ökologische Nachhaltigkeit ein positiver Effekt auf den Entwicklungsprozess zu erwarten. Wie stark dieser Einfluss ist, hängt immer auch davon ab, wie der Mobilfunk genutzt wird und welche Rolle er in der Projektkonzeption spielt. Hierbei scheinen Initiativen, die lokal verankert sind und den Mobilfunk als Werkzeug zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen, momentan am besten zu funktionieren.

Somit hat der damalige UN-Generalsekretär KOFI ANNAN mit seiner Einschätzung der IKT nach Ansicht des Verfassers bereits in der Milleniumserklärung eine treffende Beurteilung der Rolle des Mobilfunks im Entwicklungskontext vorgenommen:

"The new technologies that are changing our world are not a panacea or a magic bullet. But they are, without doubt, enormously powerful tools for development. They create jobs. They are transforming education, health care, commerce, politics and more."266
« Kap. 5.6
Literaturverzeichnis »

266 Kofi Annan, zitiert nach Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, 10.10.2008