4.3 Ökonomische Impulse des Mobilfunks
Das Wachstum der Mobilfunkbranchen in den Entwicklungsländern hat zunächst direkte und indirekte Beschäftigungseffekte bei den Netzbetreibern und den mit der Technologie verbundenen Dienstleistern. So sind Händler, Werkstätten und "Ladestationen" für Mobiltelefone mittlerweile ein alltägliches Bild in den Metropolen der Entwicklungsländern. In diesem Sektor sind die größten Beschäftigungseffekte zu beobachten. LEWIN, D. & SWEET, S. beziffern die Anzahl der durch die Mobilfunkindustrie direkt und indirekt geschaffenen Arbeitsplätze in Indien mit 3,6 Millionen bei einer jährlichen Steigerung von 30%, wobei nur relativ wenige Menschen bei den Netzbetreibern direkt beschäftigt sind.72
Zusätzlich sind die Steuereinnahmen ein nicht zu vernachlässigender Faktor bei der Betrachtung der ökonomischen Auswirkungen des Mobilfunkmarktes. Eine aktuelle Untersuchung durch DELOITTE in Bangladesch, Malaysia, Pakistan, Serbien, Thailand und der Ukraine ergab die durchschnittliche Versteuerung der durch die Mobilfunkunternehmen erwirtschafteten Einnahmen mit 26%, womit diese zu den bedeutendsten Steuereinnahmequellen dieser Staaten zählten.73 Darüber hinaus übt die Telekommunikationsinfrastruktur Einfluss auf die Entwicklung der nationalen Ökonomie insgesamt aus. Bereits seit den 1980er Jahren74 wurden zahlreiche Studien zu den ökonomischen Auswirkungen von Kommunikationstechnologien in den Industrieländern verfasst, die in unterschiedlichen Graden einen positiven Einfluss des Ausbaus der Telekommunikationsinfrastruktur auf das wirtschaftliche Wachstum feststellten. ROLLER, L. & WAVERMAN, L. schätzen in ihrer Studie von 2001, dass der intensive Ausbau der Festnetzinfrastruktur in den OECD-Ländern für 30% der erreichten Produktivitätssteigerung zwischen 1970 und 1990 verantwortlich war. Das Ergebnis begründen sie damit, dass diese Entwicklung erst moderne Managementmethoden wie die "Just in time"-Produktion, welche auf ubiquitären Kommunikationsnetzwerken beruhen, ermöglicht hat.75
Dagegen sind die Studien zu den ökonomischen Auswirkungen der rasanten Verbreitung von Mobiltelefonie in den Entwicklungsländern noch sehr jung, was vornehmlich der Aktualität der Entwicklung an sich geschuldet ist. Eine viel zitierte Studie von WAVERMAN, L. & MESCHI, M. & FUSS, M. aus dem Jahr 2005 kommt zu folgendem zentralen Ergebnis:
"A developing country that had an average of 10 more mobile phones per 100 population between 1996 and 2003 would have enjoyed per capita GDP growth that was 0.59 percent higher than an otherwise identical country."76
Sie betonen weiterhin, dass die starken Zuwachsraten im Mobilfunkbereich in den Industrieländern während des Untersuchungszeitraumes (1996-2003) ebenfalls positive ökonomische Impulse gegeben hätten. Aufgrund der fehlenden bzw. mangelhaften Festnetzinfrastruktur in den meisten Entwicklungsländern sind diese dort jedoch ungleich größer und werden von den Autoren als doppelt so hoch eingeschätzt. Aufgrund des kurzen Zeitraumes seit der Adaption der Mobiltelefonie in den Entwicklungsländern sehen die Autoren zukünftig weiteren Analysebedarf.77
Neben den makroökonomischen Aspekten sind auch die mikroökonomischen Aspekte des Mobilfunks äußerst bedeutsam. Dies konnte JENSEN als einer der ersten mit seiner Studie über Fischer im südindischen Bundesstaat Kerala empirisch belegen. Die zentrale Bedeutung von Information für eine effizient funktionierende Marktwirtschaft stellte den Ausgangspunkt seiner Untersuchung dar.
"Economists have long emphasized that information is critical for the efficient functioning of markets. For example, two of the most well-known results in economics, the First Fundamental Theorem of Welfare Economics (i.e., competitive equilibria are Pareto efficient) and the "Law of One Price" (LOP) (i.e., the price of a good should not differ between any two markets by more than the transport cost between them) rely heavily on the assumption that agents have the necessary price information to engage in optimal trade or arbitrage. These results reflect some of the most fundamental functioning of and advantages to a market economy; when goods are more highly valued on the margin in one market than another, a price differential arises and induces profit seeking suppliers or traders to reallocate goods towards that market, reducing the price differential and increasing total welfare in the process. In reality, however, the information available to agents is often costly or incomplete [...]"78
Aufgrund der zwischen 1996 und 2001 erhobenen Daten kam JENSEN zu dem Ergebnis, dass die Fischer durchschnittlich 8% mehr Gewinn erwirtschafteten, seitdem sie vor dem Ansteuern eines Hafens Marktinformationen über ihre Mobiltelefone einholen konnten. Durch die Verfügbarkeit der Informationen glich sich außerdem das vormals oft sehr unterschiedliche Preisniveau auf den verschiedenen Märkten der untersuchten Region an. Darüber hinaus konnte die Abfallrate der Fänge durch Nichtverkauf von 5-7% im Jahre 1997 nahezu vollständig eliminiert werden. Aus dieser Entwicklung resultierte wiederum eine durchschnittliche Senkung des Preises für Konsumenten um 4% für das in Kerala wichtige Nahrungsmittel.79 Darüber hinaus verhilft die Mobilfunknutzung den Fischern durch den einfacheren Bezug von Wetterinformationen zu einer erhöhten Arbeitssicherheit und fördert die Teilhabe am sozialen Umfeld.80
Bei einer Analyse des Getreidemarktes im Niger kam AKER ebenfalls zu dem Schluss, dass die vereinfachte Informationsbeschaffung mit Hilfe des Mobilfunks zu einer Reduktion der regionalen Preisunterschiede um mindestens 6,4% führte, wobei insbesondere peripher gelegene Märkte profitierten.81
Für den Einzelnen ergeben sich durch die Nutzung des Mobilfunks Möglichkeiten zur Einsparung von Kosten, indem Transaktionskosten gesenkt werden. Bezieht der Nutzer Informationen über das Mobiltelefon, so kann er viel Zeit und Geld sparen, wenn er dadurch die Nutzung des oft ineffizienten Transportsystems in Entwicklungsländern umgehen kann. Ein anschauliches Beispiel hierfür sind Jobbörsen, welche besonders in Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit und einem hohen Anteil von kurzzeitig Beschäftigten sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber nützlich sein können. Weltweit gibt es internetbasierte Jobbörsen, die über ein SMS-Gateway erreichbar und somit auch in Umgebungen, in denen nur ein GSM-Netzwerk zur Verfügung steht, nutzbar sind.82
Kazi560, betrieben von der Mobile 4 Good Ltd., ist eine solche Jobbörse in Kenia, die sowohl über das Internet als auch über einen vollständig SMS-basierten Service, inklusive An- und Abmeldung, nutzbar ist. Die mittlerweile über 30.000 Nutzer können Angebote aus verschiedenen Sparten abonnieren und zahlen zehn Kenianische Schilling (KES)83 pro erhaltenem Jobangebot, welche über den Mobilfunkanbieter verrechnet werden. Während die Arbeitgeber mit diesem für sie kostenlosen Service weniger Ressourcen bei der Suche nach Arbeitskräften benötigen, sparen die Arbeitnehmer viel Zeit und unter Umständen auch Geld für den Transport bei der Suche nach Arbeit. Gleichzeitig wird über die erhobene Gebühr die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Initiative gesichert.84 Die vorgestellten Anwendungen aus den folgenden Kapiteln liefern zahlreiche weitere Beispiele für die Einsparung von Zeit und Geld für den Einzelnen durch die Nutzung eines Mobilfunks.
Darüber hinaus bieten sich Chancen zur Einkommensgenerierung bzw. Erhöhung des Einkommens, primär für Selbständige im informellen Sektor und kleine Unternehmen, die vor der Nutzung des Mobiltelefons über keine konstante Anbindung an das Kommunikationsnetzwerk verfügten. Wichtiger als die Option zur Kommunikation nach außen ist hierbei die Erreichbarkeit für die Unternehmer, so dass sie bei Bedarf von den Kunden kontaktiert werden können, was vorher nicht möglich war. Unter anderem von DONNER, der eine Befragung unter ruandischen Kleinunternehmern durchführte, wird die Ausweitung des Geschäftsnetzwerkes und damit einhergehend eine Intensivierung des Geschäfts aufgrund der Anschaffung eines Mobiltelefons durch die Unternehmer belegt.85
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass über die Größe des Einflusses auf den verschiedenen Wirkungsebenen derzeit keine fundierte Aussage getroffen werden kann. Ein Grund dafür ist die Komplexität der viele Faktoren beinhaltenden Analysen, wobei die Vorbedingungen, etwa Ausbau der Festnetzinfrastruktur, eine große Rolle für die Bewertung des Einflusses der Nutzung des Mobilfunks spielen. Gleichwohl bewerten die relevanten Studien den ökonomischen Einfluss des Mobilfunks auf allen Ebenen durchweg als positiv.
72 vgl. Lewin, D. & Sweet, S. (2005), S. 8ff
73 vgl. Deloitte & Touche LLP (Hrsg.) (2008), S. 11
74 vgl. Hardy, A. P. (1980)
75 vgl. Roller, L. & Waverman, L. (2001), S. 912ff
76 Waverman, L. & Meschi, M. & Fuss, M. (2005), S. 2
77 Anm. des Verfassers: SRIDHAR, K. S. & SRIDHAR, V. (2007) legen in ihrer Studie zur ökonomischen Auswirkung der Telekommunikationsinfrastruktur den Fokus auf einen Vergleich zwischen Mobilfunk und Festnetz. Sie stellen ebenfalls einen positiven Effekt auf die Produktivität fest und schreiben dem Festnetz dabei eine nicht zu vernachlässigende Rolle zu. Aufgrund des überproportionalen Anstiegs der Anzahl der Mobilfunknutzer nach dem Ende des Untersuchungszeitraumes (1990 - 2001) ist diese Studie für vorliegende Arbeit jedoch weniger relevant.
78 Jensen, R. (2007), S. 879f
79 vgl. Jensen, R. (2007), S. 881ff
80 vgl. Myhr, J. & Nordström, L. (2006), S. 29ff
81 vgl. Aker, J. C. (2008)
82 vgl. Bhavnani, A. & Won-Wai Chiu, R. & Janakiram, S. & Silarszky, P. (2008), S. 14
83 Anm. des Verfassers: 10 KES entsprechen ca. 0,10 EUR
84 vgl. Kazi560, 20.06.2008
85 vgl. Donner, J. (2006); Deloitte & Touche LLP (Hrsg.) (2008); Bhavnani, A. & Won-Wai Chiu, R. & Janakiram, S. & Silarszky, P. (2008)
