4.2.2 Konnektivität
Durch die für den Mobilfunk verantwortlichen Satelliten besteht bereits ein weltweite Abdeckung, lediglich einige extrem periphere Regionen wie z.B. in der Antarktis verfügen nicht über eine Abdeckung durch das Satellitennetz.59
Die in Abb. 4 deutlich sichtbaren Bereiche ohne Netzabdeckung begründen sich durch die fehlende Infrastruktur an Basisstationen. Obwohl der Auf- und Ausbau eines Mobilfunknetzes wesentlich kostengünstiger als der einer Festnetzinfrastruktur ist, scheuten sich die Netzbetreiber insbesondere in den Entwicklungsländern, den Ausbau der Netzinfrastruktur voranzutreiben, da sie bezweifelten, einen lukrativen Netzbetrieb realisieren zu können. Während die Mobilfunkkunden in den Metropolregionen der Entwicklungsländer durchschnittlich sieben bis zehn US-Dollar pro Monat für Mobilfunkdienstleistungen ausgeben, rechnen die Anbieterfirmen in ländlichen Räumen von Entwicklungsländern mit monatlichen Ausgaben von maximal drei US-Dollar pro Kunde.60 In Anbetracht der geringen zu erwartenden Gewinnmargen zogen die Mobilfunkanbieter es in vielen Regionen daher vor, sich auf die gewinnträchtigen Ballungsräume zu konzentrieren und vernachlässigten oftmals den ländlichen Raum.
Manche Staaten haben versucht, dieser Entwicklung mit Gesetzesverordnungen entgegenzuwirken, die bei Lizenzvergabe einen umfassenden Netzausbau vorschreiben. Diese Maßnahmen waren jedoch nur teiweise erfolgreich. So war es für manche Mobilfunkanbieter attraktiver, die drohenden Bußgelder in Kauf zu nehmen, als den vereinbarten Netzausbau vorzunehmen.61 Laut der Projektbeschreibung von "Nokia Siemens Networks Village Connection", welches im Laufe dieses Kapitels noch näher beleuchtet wird, ist in den dünn besiedelten Regionen der Entwicklungsländer mit der aktuell gebräuchlichen Technologie der Basisstationen kein kostendeckender Betrieb möglich, da die Investitions- und Betriebskosten zu hoch sind. Die letzten fünf bis zehn Jahre haben eindeutig gezeigt, dass in vielen ländlichen Regionen der Entwicklungsländer, insbesondere in Afrika, trotz des enormen Booms der Mobilfunkbranche viele Menschen nicht von der bestehenden Infrastruktur erreicht werden. Zu dieser Entwicklung kam es trotz der Tatsache, dass die Menschen in diesen Regionen der Möglichkeit zur Kommunikation einen so hohen Wert zuordnen, dass sie bereit sind, einen höheren Anteil ihres verfügbaren Einkommens als Menschen in den Industrieländern für die Nutzung der Mobiltelefonie aufzuwenden.62
Abb. 4: Abdeckung der Mobilfunknetze weltweit (2007)
Die meisten Studien schenken den regionalen Unterschieden innerhalb der Entwicklungsländer nur begrenzte Aufmerksamkeit, da Penetrationsraten in der Regel für ganze Staaten und nicht nach Regionen unterteilt angegeben werden.63 Gerade die Bevölkerung in den nur unzureichend angebundenen Regionen könnte wiederum besonders stark von einer Konnektivität profitieren, da die Transaktionskosten zur Informationsbeschaffung für sie besonders hoch sind. Um den Menschen dieser Regionen dennoch die Möglichkeiten der Mobilfunkkommunikation anbieten zu können, bedarf es daher entweder staatlicher Subventionen oder neuer, innovativer Geschäftsmodelle und Technologien. Ein Beispiel hierfür sind Basisstationen, die ihren Energiebedarf über Solarzellen statt, wie bisher üblich, mit Dieselgeneratoren decken, wenn sie außerhalb eines stabilen Stromnetzes liegen.64 Anlagen dieser Art sind bereits in Malawi, Marokko und Kambodscha im Einsatz und tragen zu einer bedeutenden Senkung der Betriebskosten bei.65 Im Folgenden sollen drei weitere Konzepte zur Verbesserung der Konnektivität ruraler Bevölkerungsgruppen vorgestellt werden.
Grameen Village Phone
Das Grameen Village Phone Program wurde 1997 von Grameen Telecom in Kooperation mit Grameenphone, einem Joint Venture der norwegischen Mobilfunkanbieter Telenor und der gemeinnützigen Grameen Bank, initiiert. Es hat das Ziel, den Menschen in Bangladesch Zugang zur Mobiltelefonie zu ermöglichen und gleichzeitig über Mikrokredite vorrangig Frauen neue Einkommensmöglichkeiten zu bieten. Das Geschäftsmodell ist relativ simpel und dennoch sehr effektiv: So genannte Village Phone Operators (VPOs) erwerben, finanziert durch einen Mikrokredit, ein Mobiltelefon und Guthaben, welches sie dann zu einem etwas höheren, aber immer noch akzeptablen, Preis an die Dorfbewohner vermieten. Durch die Einnahmen kann der VPO seinen Lebensunterhalt bestreiten und die Kreditraten bedienen und die Dorfbewohner können die Telekommunikationsinfrastruktur nutzen, ohne sich ein eigenes Mobiltelefon anschaffen zu müssen. Zudem verdient der Kreditgeber an den Zinsen und der Netzbetreiber profitiert von der Erschließung neuer Märkte.66 In den ersten zehn Jahren funktionierte das Village Phone Program so gut, dass mittlerweile 260.000 VPOs in 50.000 Dörfern Bangladeschs ihren Lebensunterhalt mit der Vermietung ihrer Telefone verdienen und das Programm in anderen Ländern, z.B. Uganda und Ruanda, repliziert wurde. Der Erfolg brachte dem Programm diverse internationale Auszeichnungen ein.67 Außerdem hat es maßgeblich zur schnellen Ausbreitung der Mobilfunknetze in Bangladesch beigetragen, so dass 2007 bereits trotz einer über weite Flächen dünnen Besiedelung 97% der Menschen und 82% der Fläche des Landes erreicht wurden.68
Seit kurzem wird jedoch die Nachhaltigkeit der Initiative hinterfragt. Während das Geschäft als VPO in Bangladesch über einen langen Zeitraum für viele Menschen ein Weg aus der Armut war, sind die Einkünfte heute oftmals nur noch so marginal, dass es nicht mehr als Existenzgrundlage dienen kann. Begründet ist dieser Rückgang in der Hauptsache durch die stark gefallenen Preise für Mobiltelefone und der Verfügbarkeit von flexiblen Tarifen wie Prepaid, so dass immer weniger Menschen auf die VPOs für Befriedigung ihrer Kommunikationsbedürfnisse angewiesen sind.69 Hierin besteht ein berechtigter Kritikpunkt an dem Village Phone Program, der für zukünftige Implementationen in anderen Ländern berücksichtigt werden sollte, indem VPOs frühzeitig auf die in den meisten Fällen zeitliche Begrenztheit dieser Tätigkeit als ausreichende Einnahmequelle vorbereitet werden.
Mobile Mesh-Netzwerke
Die schwedische Firma TerraNet AB hält seit 2004 ein Patent auf eine innovative Netzwerktechnologie im Mobilfunkbereich, die insbesondere in ländlichen Gebieten von Entwicklungsländern Potentiale birgt. Mobiltelefone, die mit der TerraNet-Technologie ausgestattet sind, bauen automatisch eine Verbindung mit allen Geräten auf, die ebenfalls die TerraNet-Technologie implementiert haben und sich im Umkreis von einem Kilometer befinden. Alle Geräte bilden ein so genanntes Mesh-Netzwerk, welches sich automatisch etabliert und selbst organisiert. Dies bedeutet, dass keine Sendemasten für die Verbindung der einzelnen Geräte notwendig sind, da jedes Endgerät nicht nur Empfänger ist, sondern zugleich die Funktionen eines Sendemastes übernimmt. Die maximale Größe eines Netzwerkes auf Basis der TerraNet-Technologie beträgt zehn Kilometer. Verfügt das Netzwerk über ein Gateway, worüber es mit anderen, beispielsweise nationalen, Netzen verbunden ist, so haben alle Teilnehmer die Möglichkeit, diese anderen Netze zu nutzen, obwohl sie nicht direkt mit ihnen verbunden sind.70
Abb. 5: Mobiles Mesh-Netzwerk (TerraNet AB)

Diese Technologie ermöglicht eine kostenfreie Kommunikation innerhalb des Netzwerkes, da keine Infrastrukturkosten entstehen. Gerade diese Kosten sind für Nutzer in Entwicklungsländern häufig ein Hemmnis zur intensiven Nutzung von Kommunikationstechnologien. Mit Hilfe dieser Technologie könnten lokale Wissens- und Kommunikationsnetzwerke aufgebaut werden, welche von den Teilnehmern ohne jegliche Einschränkungen genutzt werden und somit die Effekte der Kollaboration unter den Netzwerkteilnehmern maximiert werden könnten.
Nokia Siemens Networks Village Connection
Mit "Nokia Siemens Networks Village Connection" stammt ein weiterer innovativer Ansatz von Nokia Siemens Networks, einem Joint Venture der beiden Unternehmen Nokia und Siemens. Die Infrastruktur stellt gewissermaßen ein Netzwerk am Rande eines Netzwerkes dar und besteht im Wesentlichen aus zwei Einheiten: Dem Access Center (AC), welches das lokale Netzwerk mit dem nationalen GSM-Netzwerk verbindet und dem GSM Access Point (AP), welcher für die Anbindung der Nutzer an das Netzwerk sorgt. Über einen Access Point können bis zu 80 Nutzer verwaltet werden, während insgesamt über ein Access Center bis zu 14.000 Nutzer angebunden werden können. Ein Access Point besteht aus einem mit einem GSM-Funksender verbundenen PC, auf dem eine Software zur Verwaltung der Nutzer des lokalen Netzwerkes vorinstalliert ist. Laut der Projektbeschreibung wird somit ein minimales Know How zum Betrieb des Access Points benötigt. Dies stellt wichtige Voraussetzung für dieses neuartige Geschäftsmodell dar, da die Access Points entweder von einzelnen lokalen Franchisenehmern oder von Angestellten des nationalen Mobilfunknetzbetreibers unterhalten werden sollen.
Abb. 6: Architektur des Nokia Village Connection-Netzwerks

Die Verbindung zwischen dem Access Point und den Nutzern erfolgt über den GSM-Standard. Die Übertragung via Internet Protocol (IP) von AC zu AP sorgt für eine maximale Flexibilität bei der Art der Übertragung und kann zu einem späteren Zeitpunkt eine effektive Anbindung an das Internet, welches auf derselben Übertragungstechnologie beruht, ermöglichen.71
59 vgl. GSM Association, 09.08.2008
60 vgl. Nokia Siemens Networks (2008), S.1
61 vgl. Castells, M. & Fernández-Ardevól, M. & Lichuan Qiu, J. & Sey, A. (2007), S. 216ff
62 vgl. Donner, J. (2008b), S. 32
63 vgl. Castells, M. & Fernández-Ardevól, M. & Lichuan Qiu, J. & Sey, A. (2007), S. 217
64 vgl. Network World, 14.08.2008
65 vgl. i4d Online, 24.08.2008
66 vgl. Grameen Foundation, 12.08.2008
67 vgl. Grameenphone, 12.08.2008
68 vgl. MobileActive, 13.08.2008
69 vgl. Fast Company, 13.08.2008
70 vgl. TerraNet AB, 17.07.2008
71 vgl. Nokia Siemens Networks (2008)

