4.2.1 Entwicklung der weltweiten Nutzung

Seit etwa Mitte der 1990er Jahre kam es zu einem enormen Wachstum des Mobilfunkmarkts. Wie Abb. 2 verdeutlicht, fand dieses zunächst in den Industrienationen statt, während die Rate von Mobilfunkverträgen pro 100 Einwohner in den Entwicklungsländern erst ab ca. 2002 einen sprunghaften Anstieg aufzeigt. Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil der Weltbevölkerung in den Entwicklungsländern lebt, vermitteln die Daten aus Abb. 3 ein noch weitaus eindrucksvolleres Bild von der Dynamik dieses weiterhin anhaltenden Prozesses: Bereits seit dem Jahr 2003 stammen, in absoluten Zahlen ausgedrückt, die meisten Kunden von Mobilfunkanbietern aus Entwicklungsländern. Bei der Interpretation der Zahlen bedarf es der Berücksichtigung der unterschiedlichen Nutzung, weshalb beispielsweise die Nutzerzahlen aus Industrienationen nicht ohne weiteres mit den Nutzerzahlen aus Entwicklungsländern verglichen werden können. In den Industrienationen werden, bedingt durch „Zweithandys“, zum Teil bereits Penetrationsraten von über 100% erreicht. In den Entwicklungsländern nutzen dagegen häufig mehrere Personen (z.B. Familie oder Freunde) ein Endgerät. Hierdurch ist der Prozentsatz von Personen, die zumindest Zugang zu einem Kommunikationsnetzwerk haben, wesentlich höher, als es aus den offiziellen Statistiken hervorgeht.50 Gleichzeitig ergibt sich daraus eine sehr unterschiedliche Nutzungsart und -intensität, worauf bei der Betrachtung der Mobilfunkanwendungen in den folgenden Kapiteln noch näher eingegangen wird.

Nach Schätzungen der GSM Association wird die weltweite Abdeckung der mobilen Netzwerke bis 2010 eine Rate von 90% erreichen und bis 2015 mehr als 5 Milliarden Menschen mit Sprach- und Datenservices bedienen.51

Abb. 2: Mobilfunknutzer pro 100 Einwohner in Industrie- und Entwicklungsländern (1997-2007)

Mobilfunknutzer pro 100 Einwohner in Industrie- und Entwicklungsländern (1997-2007)
Quelle: International Telecommunication Union, 15.08.2008

Abb. 3: Absolute Nutzerzahlen und Penetrationsraten im Mobilfunk nach Regionen (2002-2006) Größeres Bild in neuem Fenster

Absolute Nutzerzahlen und Penetrationsraten im Mobilfunk nach Regionen (2002-2006)
Quelle: United Nations (2007), S. 22

Das explosionsartige Wachstum von Mobilfunknutzern in den Entwicklungsländern wird im Wesentlichen mit folgenden Ursachen begründet:

Schlechte bzw. nicht vorhandene Festnetzinfrastruktur
Während Mobiltelefone in den Industrienationen in erster Linie als Ergänzung zum Festnetz genutzt werden und somit der Fokus auf der Mobilität liegt, sind sie für viele Nutzer in den Entwicklungsländern, deren Festnetzinfrastruktur zumeist mangelhaft oder gar nicht vorhanden ist, häufig die einzige Möglichkeit, überhaupt Kommunikation außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung zu betreiben. Bedingt durch die Unterversorgung mit Festnetzanschlüssen besteht für die meisten Menschen in den Entwicklungsländer erstmals die Möglichkeit, eine Telekommunikationsinfrastruktur regelmäßig zu nutzen. Zudem werden die Kosten pro Anschluss im Mobilfunknetz auf 50% im Vergleich zum Festnetz geschätzt, wodurch Investitionen für Netzbetreiber attraktiver werden.52

Gesetzliche Rahmenbedingungen
Die Schaffung von gesetzlichen Rahmenbedingungen und eine Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes werden als fundamental für die rasante Entwicklung der Mobilfunkbranche in den Entwicklungsländern angesehen.53 Darüber hinaus empfiehlt die GSM Association in einer kürzlich veröffentlichten Studie die Senkung aller erhobenen Steuern, ausgenommen der Mehrwertsteuer, auf Endgeräte und Nutzungsgebühren, um so ein Wachstum des Marktes zu stimulieren und mittel- und langfristig höhere Steuereinnahmen aus dem Mobilfunkmarkt zu generieren.54

Tarifmodelle
Wie schon bei dem Wachstum der Nutzerzahlen in den Industrienationen einige Jahre zuvor55, spielen die Tarifmodelle auch in den Entwicklungsländern eine zentrale Rolle. Besonders hervorzuheben ist hierbei der so genannte Prepaid-Tarif, der den Nutzern den Erwerb von Gesprächsguthaben bei Bedarf im Voraus ermöglicht. Gewöhnlich ist der Preis pro Nutzungszeit bei diesem Tarif zwar deutlich höher, als wenn der Nutzer einen Vertrag mit einem monatlichen Grundbetrag plus Abrechnung der Nutzungszeit abschließt, jedoch ermöglicht dieses Modell für viele Menschen in Entwicklungsländern überhaupt erst die Nutzung eines Mobiltelefons, da sie in der Regel nicht über ein Bankkonto verfügen und somit die Bedingungen für einen Vertragsabschluss nicht erfüllen. Darüber hinaus können viele dieser Menschen den monatlichen Fixbetrag nicht aufwenden und somit das Guthaben erwerben, wenn sie es brauchen und über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen. Für die Mobilfunkanbieter beinhaltet dieses Modell zugleich eine bedeutende Reduktion des Verwaltungsaufwands, der andernfalls aus den schwachen formellen Strukturen wie z.B. fehlenden Bankkonten resultieren würde.56

Relativ günstige und angepasste Endgeräte
In den Anfängen des Booms der Mobilfunkmärkte in den Entwicklungsländern ab Ende der 1990er Jahre dominierten zunächst gebrauchte Endgeräte aus den Industrienationen den Gerätemarkt. Dieser Umstand wandelte sich jedoch, sobald die Herstellerfirmen das Potential dieser neuen Märkte entdeckten und eigene, auf die Bedürfnisse der Benutzer in diesen Regionen zugeschnittene Endgeräte entwickelten. Anfang 2008 präsentierte beispielsweise das indische Unternehmen Spice ein Mobiltelefon, das zum Preis von 20 US-Dollar an den Endverbraucher verkauft werden soll.57 Auch im Bereich der bereitgestellten Funktionalitäten bei den Endgeräten haben\r\nsich einige Hersteller auf die Bedürfnisse der neuen Nutzergruppen in den Entwicklungsländern eingestellt. Nokia, der weltweit führende Hersteller von Mobiltelefonen, hat seit geraumer Zeit Mitarbeiter eingestellt, die sich ausschließlich damit beschäftigen, wie Mobiltelefone in den Entwicklungsländern genutzt werden, um das Design der Endgeräte möglichst ideal darauf abzustimmen. Ein Ergebnis dieser Arbeit besteht beispielsweise in der Integration einer Taschenlampe in das Mobiltelefon, was für die Menschen in Regionen mit unzuverlässiger Stromversorgung enorm hilfreich ist. Gleichzeitig haben derartige Neuerungen Nokia als Hersteller in vielen afrikanischen Ländern extrem beliebt gemacht hat.58

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50 vgl. Castells, M. & Fernández-Ardevól, M. & Lichuan Qiu, J. & Sey, A. (2007), S. 7ff
51 vgl. GSM Association (Hrsg.) (2007), S. 18
52 vgl. Waverman, L. & Meschi, M. & Fuss, M. (2005), S. 4
53 vgl. GSM Association (Hrsg.) (2008), S. 26ff
54 vgl. Frontier Economics Ltd. (2008), S. 17ff
55 vgl. Abb. 2
56 vgl. Castells, M. & Fernández-Ardevól, M. & Lichuan Qiu, J. & Sey, A. (2007), S. 28ff; Anderson, J. (2006), S. 7
57 vgl. IDG Business Media GmbH, 13.08.2008
58 vgl. BusinessWeek, 13.08.2008