4.5 Ausblick - Die Zukunft ist mobil
Dieses Kapitel gibt einen Ausblick auf die mögliche zukünftige Nutzung des Mobilfunks. Im Zentrum dieser Betrachtungen steht die Entwicklung der Endgeräte und die Rolle der Mobilfunkinfrastruktur für den Zugang zum Internet. Dies ist wichtig für eine Einschätzung der kommenden Nutzungsschwerpunkte und -möglichkeiten.
Viele Anzeichen sprechen dafür, dass die meisten Menschen in den Entwicklungsländern das Internet über ihre Mobiltelefone anstatt über einen PC nutzen werden. Aus den beschriebenen Beispielen geht hervor, dass dies bei den bestehenden Anwendungen häufig schon der Fall ist. Die Anwendungen sind lediglich so konzipiert, dass sie an die vorhandenen Möglichkeiten bzw. Einschränkungen angepasst sind. Wenn beispielsweise ein Farmer in einem ghanaischen Dorf die Marktpreise für sein Anbauprodukt per SMS abfragt, so kommuniziert er mit einem internetbasierten System, auf das er per SMS anstatt mit einem Webbrowser zugreift. Die Ausweitung der Datenübertragungskapazitäten und Entwicklung der Mobiltelefone bieten in diesem Zusammenhang Chancen, die Anwendungsbereiche im Mobilfunk zu erweitern und effektiver zu gestalten. Im Folgenden werden die einzelnen Aspekte dieser Schlußfolgerungen näher beleuchtet.
Geringerer Energieverbrauch
Weltweit leben ca. 1,6 Milliarden Menschen, zum größten Teil in Süd- und Südostasien sowie Subsahara-Afrika, ohne eine gesicherte und regelmäßige Stromversorgung.224 Die schlechte und unzuverlässige Stromversorgung, besonders in ländlichen Regionen, ist eines der größten Hindernisse bei der Nutzung von Computern.
Die Computerhersteller bemühen sich generell um eine Reduktion des Stromverbrauchs und es bestehen innovative Ansätze zur Speisung des Energiebedarfs von PCs aus alternativen Quellen, welche zum Teil durchaus vielversprechend sind. Beispielsweise entwickelt die Jhai Foundation einen PC, dessen Hardwarekomponenten speziell für den Einsatz in tropischen und ariden Klimaten ausgewählt sind und dessen Stromversorgung unter anderem mit Solarzellen oder durch Strom, der über ein Fahrrad generiert wird, gewährleistet werden kann.225
Während der Stromverbrauch eines herkömmlichen PCs jedoch einfach zu hoch ist, um einen flächendeckenden Betrieb bei ungesicherter Stromversorgung zu ermöglichen, bleibt für alternative Ansätze die Kostenbarriere bestehen.226 Die Situation stellt sich bei den Mobiltelefonen jedoch anders dar. Die Effektivität und Lebensdauer der Akkus erhöht sich kontinuierlich227 und neue Technologien bergen das Potential zum Laden der Akkus über alternative Energiequellen.
Einen interessanten Ansatz liefert das US-amerikanische Startup-Unternehmen M2E Power mit der Entwicklung einer Technologie zur Umwandlung von Bewegung in elektrische Energie. Nach Angaben des Hersteller können sechs Stunden alltäglicher Bewegung somit den Akku eines Mobiltelefons für durchschnittlich eine Stunde Gesprächszeit aufladen. Zunächst ist die Technologie nur als Zusatz zu erwerben, jedoch haben bereits erste Mobiltelefonhersteller Interesse an einer Implementierung der Technologie bekundet.228 Mit den Bemühungen um eine Verminderung der Abhängigkeit von einem bestehenden Stromnetz steht M2E Power indes nicht allein da. Firmen wie Solio oder G24 Innovations etwa haben speziell für Mobiltelefone konzipierte, mit Solarzellen betriebene Ladegeräte entwickelt.229 Mit Hilfe solch innovativer Technologien scheint es durchaus realistisch, der ruralen Bevölkerung in Entwicklungsländern in absehbarer Zukunft einen vom Stromnetz\r\nautarken Betrieb ihrer Mobiltelefone zu ermöglichen.
Mobiltelefone sind angepasster und günstiger
Insbesondere in den ländlichen Regionen vieler Entwicklungsländer herrschen schwierige klimatische Bedingungen für den Betrieb komplexer technischer Geräte wie eines Computers. Hohe Luftfeuchtigkeit und Staub verringern die Lebenszeit eines Computers um ein Vielfaches. Mobiltelefone sind diesen Einflüssen gegenüber wesentlich unempfindlicher.
Die Komplexität der Bedienung eines PCs gegenüber einem Mobiltelefon ist nicht zu unterschätzen. Insbesondere für Personen mit einem niedrigen Bildungsniveau ist die Nutzung eines PCs aus diesem Grund oftmals nicht möglich. Zusätzlich muss für die Wartung der komplizierteren und anfälligeren Hardware von PCs bei Problemen geschultes Wartungspersonal verfügbar sein. Mobiltelefone können dagegen in ihren Basisfunktionen auch von Analphabeten genutzt werden. Über neuere Telefonmodelle mit Touchscreen ergeben sich zudem zusätzliche Möglichkeiten bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche, um Zugangsbarrieren zu senken.230
Darüber hinaus ist die Produktion von Mobiltelefonen um ein Vielfaches preiswerter als die von Computern, weshalb Erstere auch zu wesentlich günstigeren Preisen an den Endverbraucher veräußert werden können.
Konvergenz von PC und Mobiltelefon
Die exponentielle Steigerung der Rechenleistung von Computern, dem Mooreschen Gesetz231 folgend, übt einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Mobiltelefone aus. Die Geräte der neueren Generation, auch Smart Phones genannt, nähern sich in ihren Funktionalitäten und zunehmend auch den Rechenleistungen denen von PCs an.
"It is interesting to note that today''s high-end mobile phones have the computing power of a mid-1990s PC - while consuming only one onehundredth of the energy. Even the simplest, voice-only phones have more complex and powerful chips than the 1969 on-board computer that landed a spaceship on the moon."232
Somit ist es nicht nur einer Marketingstrategie geschuldet, wenn der Hersteller Nokia die Endgeräte seiner neuesten Produktionsreihe vorrangig als "mobile Computer" und weniger als "Mobiltelefone" beschreibt.233 Smart Phones verfügen, genau wie PCs, über eigene Betriebssysteme, die eine Kreation von Applikationen außerhalb der Softwareentwicklungsabteilung der Herstellerfirmen ermöglicht. Vermutlich wird dies zu einer großen Bandbreite an verfügbaren Anwendungen führen, sowohl im kommerziellen als auch im Open Source234 Bereich. Die Nutzung dieser Geräte für die Erledigung von Arbeiten, die heute noch vorrangig am PC erledigt werden, wird somit wiederum attraktiver für die Anwender.
In Kombination mit der kontinuierlichen Leistungssteigerung der implementierten Systeme in den Mobiltelefonen neuerer Generation wird diese Entwicklung vermutlich mittelfristig dazu führen, dass viele Menschen nur noch einen "mobilen Computer" in Form eines Mobiltelefons besitzen. An diesen können sie Eingabe- und Ausgabegeräte (z.B. Tastatur und Monitor) anschließen, um eine komfortablere Bedienung zu ermöglichen. Eine ähnliche Entwicklung war auch schon bei der Nutzung von Laptops zu beobachten.
Dennoch darf der Stellenwert der Verfügbarkeit von PCs zum momentanen Zeitpunkt nicht unterschätzt werden, da er insbesondere für die Produktion angepasster, lokaler Anwendungen und Inhalte wichtig ist. Diese sind bedeutsam, um einen größtmöglichen Mehrwert durch deren Nutzung zu schaffen. Hierbei kann insbesondere Open Source Software einen positiven Einfluss ausüben, da zur Nutzung und Modifikation keine Lizenzgebühren erhoben werden.235 Aufgrund der noch geringen Benutzerfreundlichkeit für Anwendungen in der Datenverarbeitung ist die Produktion der entsprechenden Software oder Inhalte derzeit selbst über neueste Mobiltelefonmodelle nur schwierig realisierbar.
One size fits all
Neben den bereits genannten Faktoren spricht auch die Vielseitigkeit des Mobiltelefons für dessen zukünftige Dominanz. Neuere Modelle können anspruchsvolle Anwendungen ausführen und mittelfristig wahrscheinlich als PC- bzw. Laptop-Ersatz dienen. Daneben sind sie als Modem einsetzbar und können gleichzeitig Basisdienste wie SMS und Sprachübermittlung bedienen.
Internetkonnektivität
Mit der drastischen Erhöhung der DatenÜbertragungskapazitäten in 3G-Netzwerken und der Senkung der Preise in den Industrieländern ist eine zunehmende Internetnutzung über Mobiltelefone zu beobachten. In Japan nutzen schon heute mehr Menschen das Internet über ihre Mobiltelefone als über PCs.236 Mit der Saturierung der Märkte für Kunden, die hauptsächlich Sprachservices nutzen, in Kombination mit der technischen Entwicklung stellt dies den nächsten logischen Schritt dar. Die Entwicklung der Übertragungsraten und Preisgestaltung der Mobilfunkanbieter für Datenservices lässt diese sogar zunehmend zur Konkurrenz der Anbietern von Breitbandverbindungen über das Festnetz werden.237
Mit der schwachen Festnetzinfrastruktur in vielen Entwicklungsländern bleibt abzuwarten, ob die preisliche Entwicklung ähnlich schnell zum Vorteil der Nutzer verläuft. Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass die Anbieter auch dieses Segment gezielt bedienen werden, spätestens wenn die Saturierung der anderen Marktsegmente absehbar ist. Entwicklungen in China scheinen diesen Annahme zu bestätigen. Dort greifen bereits 29% aller Internetnutzer, bei einem Zuwachs von 45% im ersten Halbjahr 2008, über ihr Mobiltelefon auf die gewünschten Informationen zu.238
Nachdem insbesondere das südliche Afrika bisher nur ungenügend an den internationalen Datenströmen partizipieren konnte239, versprechen neue Initiativen eine bessere Anbindung des Kontinents und anderer benachteiligter Regionen. Zwei derzeit im Bau befindliche Untersee-Glasfaserkabel sollen die Anbindung der ostafrikanischen240 und westafrikanischen241 Staaten innerhalb der nächsten zwei Jahre verbessern, damit ihnen mehr Bandbreite und somit schnellere Internetverbindungen zur Verfügung stehen. Das kürzlich gegründete Unternehmen o3b Networks242 plant für 2010 den Start eines Systems von 16 Satelliten, über die Breitbandverbindungen in Entwicklungsländern zu drastisch reduzierten Kosten realisiert werden sollen.243
Mobile Web
Die geringe Größe von Display und Eingabegeräten erschweren längeres Arbeiten mit Mobiltelefonen und das Navigieren auf Internetseiten. Daher werden für die Nutzung auf Mobiltelefonen von den Anbietern gewöhnlich spezielle Internetseiten erstellt, die auf die Bedürfnisse dieser Nutzungsart abgestimmt ist und deren Gesamtheit auch als "Mobile Web" bezeichnet werden. Da es sich lediglich um eine andere Darstellung der Daten handelt, die auf denselben Technologien und Programmiersprachen beruht, können zum einen bestehende Inhalte relativ einfach für diese Zugangsart aufbereitet werden, zum anderen ist auch die Entwicklung neuer Anwendungen einfacher. Darüber hinaus vereinfacht es die Möglichkeit zur Bearbeitung und Nutzung derselben Daten über verschiedene Zugänge. Kurz gesagt ist das "Mobile Web" nicht getrennt vom Internet zu betrachten, sondern stellt nur eine angepasste Darstellung und Nutzung dessen dar.
Das World Wide Web Consortium (W3C), zuständig für die Standardisierung von Internettechnologien, gründete Mitte dieses Jahres die "Mobile Web for Social Development Interest Group" (MW4D). Die Gruppe hat das Ziel, die Potentiale des Mobile Web für bisher nicht angeschlossene Nutzergruppen in Entwicklungsländern zu identifizieren und somit frühzeitig zu einer Definition von Standards beizutragen, um die technischen Barrieren für eine effektive Nutzung des Mobile Web möglichst gering zu halten.244 Die Gründung des Expertenkomitees unterstreicht die oben getroffenen Aussagen über eine zu erwartende Internetnutzung in Entwicklungsländern, die vorrangig über Mobiltelefone stattfinden wird.
Diesen Trend scheint auch der weltweit dominierende Suchmaschinenbetreiber Google245 zu sehen und kündigte im vergangenen Jahr an, seine Services in China für die Nutzung über Mobiltelefone zu optimieren.246 Die Frage ist hierbei vor allem, ob und mit welcher Geschwindigkeit sich Netzkapazitäten zur optimierten Datenübertragung (3G) und die zur Nutzung dieser Kapazitäten nötigen Mobiltelefone verbreiten werden. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang daher, wie lange es dauern wird, bis sich ein signifikanter Anteil der Menschen in den Entwicklungsländern aufgrund gesunkener Preise die Geräte und den - noch sehr teuren - Datentransfer leisten können.
Die Vermutung liegt nahe, dass die meisten Menschen in den Entwicklungsländern, besonders in ruralen Regionen aufgrund eines unzureichenden Netzausbaus und relativ hoher Datenübertragungskosten, das Mobile Web anders nutzen werden als Menschen in Industrieländern, die einen Zugang mit hohen Datentransferkapazitäten zu relativ niedrigen Preisen haben. Neuere Technologien wie Really Simple Syndication (RSS)247 bieten in diesem Zusammenhang große Potentiale und ermöglichen eine einfache Verbreitung und Beschaffung von Informationen.
Ermöglicht wir dies durch die standardisierte und plattformunabhängige Auslieferung der Daten im XML248-Format. Dabei kann der Nutzer beliebige Ressourcen, die einen so genannten RSS-Feed249 anbieten, abonnieren, so dass neue Veröffentlichungen automatisch auf das Endgerät heruntergeladen werden. Das Verfahren ist unabhängig vom Inhalt und funktioniert somit auch für Audio- und Videodateien. Insbesondere in Regionen mit instabiler oder langsamer Internetkonnektivität kann diese Funktionalität hilfreich sein, da der Nutzer unabhängig von einem permanenten Netzzugang Zugriff auf die Inhalte hat.
Darüber hinaus bietet das Mobile Web in Entwicklungsländern große Potentiale für die Abbildung komplexerer Prozesse, die derzeit mit der Einschränkung auf Sprachübermittlung und SMS nicht möglich sind. Insbesondere die Anwendungen in den Bereichen m-learning und m-government könnten von einer Ausweitung der Verfügbarkeit\r\ndes Mobile Web profitieren.
Fazit
Abschließend lassen sich zwei zentrale Punkte dieser Betrachtungen extrahieren:
- Die Mobiltelefone werden auch mittelfristig in den Entwicklungsländern das dominante Kommunikationsmedium bleiben und zunehmend auch im Zusammenhang der Datenverarbeitung genutzt werden.
- Die Bereitstellung und Nutzung von Datenservices über das Mobilfunknetz wird auch in den Entwicklungsländern zunehmen. Hierbei steht die Nutzung des Internets bei der Masse der Anwender in Form des Mobile Web im Vordergrund. Dies eröffnet wiederum neue Optionen für den Einsatz der Mobiltelefone in entwicklungsrelevanten Kontexten.
224 vgl. The World Bank, 17.08.2008
225 vgl. Jhai Foundation, 16.08.2008
226 Anm. des Verfassers: Auf diesen Punkt wird im weiteren Verlauf dieses Kapitels eingegangen.
227 vgl. pressetext Nachrichtenagentur GmbH, 17.08.2008
228 vgl. BusinessWeek, 28.08.2008
229 vgl. G24 Innovations, 28.08.2008; Solio, 28.08.2008
230 vgl. Chipchase, J. (2008), S. 82ff
231 Anm. des Verfassers: Das Mooresche Gesetzt besagt, dass sich die Anzahl der Komponenten integrierter Schaltkreise alle zwei Jahre verdoppeln. (vgl. MOORE, G. E. (1965)) Dies ist nicht gleichbedeutend mit einer Verdopplung der Rechenleistung, übt jedoch maßgeblichen Einfluss auf sie aus. Später korrigerte Moore seine Aussage dahingehend, dass die Verdoppelung der Transitorenanzahl pro Quadratzentimeter alle 18 Monate erreicht werden würde. Auch wenn es aus heutiger Abweichungen zu dieser Aussage gibt, ist sie nach wie vor gültig und wird für die Prognostizierung der technischen Entwicklung herangezogen.
232 Ford, M. & Botha, A. (2007), S. 2
233 vgl. Nokia NSeries, 10.10.2008
234 Anm. des Verfassers: s. Glossar
235 vgl. Gosh, R. A. (2004), S. 4ff
236 vgl. Sharma, C. (2008), S. 3
237 vgl. Sauter, M. (2008), S. 178ff
238 vgl. The Economist, 16.09.2008
239 vgl. Williams, M. (2008), S. 2ff
240 vgl. Fibre for Africa, 20.09.2008
241 vgl. IDG Business Media GmbH, 20.09.2008
242 Anm. des Verfassers: "o3" steht für "other 3 billion", die anderen 3 Milliarden Menschen, die derzeit aus Kostengründen nicht mit Breitband-Internetverbindungen versorgt sind. Das Unternehmen wird von Google Inc., Liberty Global, Inc. and HSBC Principal Investments finanziert.
243 vgl. o3b Networks, 07.10.2008; Financial Times Deutschland, 07.10.2008
244 vgl. Mobile Web for Social Development Interest Group, 07.10.2008
245 vgl. e3internet, 06.10.2008
246 vgl. The Economist, 06.10.2008
247 Anm. des Verfassers: s. Glossar
248 Anm. des Verfassers: s. Glossar
249 Anm. des Verfassers: s. Glossar
