4.4.1 Finanzsektor - m-banking

Der Begriff m-banking beschreibt Services, mit denen Finanzdienstleistungen auf mobilen Endgeräten nutzbar gemacht werden.89 Die Ausprägungen und Akteure dieser Services sind von diversen Faktoren abhängig und unterscheiden sich von Land zu Land. Bezüglich der Anbieter beziehen sich die Unterschiede vornehmlich auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die Realisierung der Dienste erfolgt demnach durch verschiedene Akteuren: Manchmal sind es Banken, manchmal Mobilfunkanbieter und manchmal beide gemeinsam. Die Ausprägung der Dienste selbst richten sich wiederum an den Bedürfnissen (und Möglichkeiten) der Nutzer aus.

Die aktuell in den Entwicklungsländern angebotenen Services bieten in der Regel drei grundsätzliche Funktionalitäten:

Auf den ersten Blick erscheinen diese Funktionalitäten nicht spektakulär, weshalb es auch nicht verwundert, dass sich mobile Finanzdienstleistungen in den meisten Industrieländern nur sehr bedingt etablieren konnten. Einer der Hauptgründe ist sicherlich darin zu sehen, dass dem Großteil der Menschen komfortablere und scheinbar sicherere Lösungen wie das Bezahlen per Kreditkarte oder Onlinebanking zur Verfügung stehen.92

In den Entwicklungsländern zeigen sich dagegen vollkommen andere Voraussetzungen. Viele Menschen in den Entwicklungsländern haben kein Bankkonto93 und verfügen somit nicht über die Möglichkeit, offizielle Finanztransaktionen vorzunehmen. Dadurch entstehen diesen Bevölkerungsgruppen Nachteile und Einschränkungen, die andernfalls nicht bestünden.

Ein Beispiel sind die für Entwicklungsländer typischen Geldtransfers aus den urbanen Räumen zur Unterstützung von Verwandten in die ruralen Räume. In den meisten Entwicklungsländern ist ein Urbanisierungsprozess zu beobachten, der sich zumeist auf wenige Metropolen konzentriert. Vor allem junge Menschen wandern auf der Suche nach Arbeit aus den ländlichen Gebieten in die Metropolen und versuchen, die zurückgelassenen Verwandten finanziell zu unterstützen. In der Vergangenheit mussten die Migranten meist persönlich das Geld bei Besuchen der Verwandtschaft überbringen, was bei der häufig sehr schlechten Verkehrsinfrastruktur außerhalb der Metropolen in vielen Entwicklungsländern mit einem hohen Kosten- und Zeitaufwand verbunden ist. Alternativ transferieren sie das Geld über Mittelsmänner, Freunde oder Bekannte, die den Transport des Geldes übernehmen, oder versenden es auf dem Postweg. Diese Methoden beinhalten jedoch einen mehr oder minder großen Unsicherheitsfaktor.94 Die Nutzung von m-banking-Services bedeutet für die Migranten demnach eine enorme Erleichterung bei der Unterstützung ihrer Familien in den ländlichen Regionen.

Das Gesamtvolumen der urban-ruralen Geldtransfers zur Unterstützung von Familienangehörigen kann aufgrund der erwähnten informellen Transportkanäle in den seltensten Fällen genauer beziffert werden. Dennoch besteht in der Literatur Einigkeit darüber, dass diese für die Empfänger einen signifikanten Beitrag zu deren Unterhaltssicherung darstellen.95

Auch für die Anbieterseite eröffnen die technischen Möglichkeiten eine neue Ausgangssituation und Bewertung des Geschäftszweiges. War es für die Banken mit Hilfe der klassischen Vertriebswege schwierig, ihre Dienstleistungen auch nicht wohlhabenden Kunden anzubieten, wird es durch die verringerten Administrationskosten auch für sie ein durchaus profitables Geschäft. Gleiches gilt für die Mobilfunkanbieter, die durch die Bereitstellung von m-banking-Services ihre Kundenbindung erhöhen und zugleich an den Übertragungsgebühren zur Nutzung der Services verdienen.96

Die Funktionsweise eines m-banking-Services soll am Beispiel von M-PESA verdeutlicht werden, einem Service des kenianischen Mobilfunkanbieters Safaricom. MPESA bietet seinen Kunden so genannte person-to-person transfers über das Mobiltelefon. Die Ein- und Auszahlung erfolgt über ein landesweites Netz von ca. 1.600 MPESA Agents97, bei denen es sich meist um bestehende Läden, welche ihren Kunden gleichzeitig weitere Dienstleistungen und Waren anbieten, handelt. Um den Dienst nutzen zu können, muss der Kunde sich zunächst bei einem Agent registrieren. Er erhält einen Ausweis mit Passfoto, das Konto eingerichtet wird durch den Agenten eingerichtet und mit der Telefonnummer des Kunden verknüpft hat. Er kann nun Ein- und Auszahlungen bei einem Agenten vornehmen, über sein Mobiltelefon den Kontostand abfragen und Geld oder Gesprächsguthaben an jeden beliebigen Mobiltelefoninhaber in Kenia überweisen.98

Trotz anfänglicher Sicherheitsbedenken von potentiellen Kunden gegenüber der neuen Technologie99 erreichte M-PESA seit der Initiierung im März 2007 eine Nutzerzahl von über zwei Millionen, welche mehr als neun Milliarden Kenianische Schilling100 über das System transferierten.101

Abb. 7: Darstellung der Nutzeroberfläche bei einer Transaktion mit M-PESA

Darstellung der Nutzeroberfläche bei einer Transaktion mit M-PESA
Quelle: Mas, I, & Kumar, K. (2008), S. 3

M-PESA plant derzeit die Ausweitung seines Services auf internationale Überweisungen. über ein Internetportal sollen auch ausländische Kunden Guthaben für kenianische Mobiltelefonbesitzer erwerben können, welches diese wiederum im bestehenden M-PESA-System einlösen können.102 Der International Fund for Agricultural Development (IFAD) schätzte das Volumen der internationalen Überweisungen von Migranten an Angehörige in den Entwicklungsländern im Jahre 2006 auf über 300 Milliarden US-Dollar.103 Die Kosten für internationale Überweisungen mit Diensten wie Western Union, mit denen das Geld auf formellem Weg übertragen werden kann, ohne dass Sender und Empfänger ein Bankkonto besitzen müssen, betragen bis zu 20%. Aus diesem Grund werden häufig informelle Kanäle genutzt werden, die mit entsprechenden Risiken verbunden sind.104

Der Start des internationalen Services ist derzeit bis auf Weiteres verschoben. Mit Großbritannien als primärer Quelle der internationalen Überweisungen nach Kenia, sollte der internationale Service dort initiiert werden, jedoch erhoben die britischen Aufsichtsbehörden Einwände und fordern die Einhaltung der britischen Standards105, bevor der Service von Safaricom angeboten werden darf.106 Diese Entwicklung unterstreicht die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit zwischen Quell- und Zielländern zur Schaffung von einheitlichen Rahmenbedingungen, damit die Bedenken bezüglich internationaler Geldwäsche und Geldtransfers zugunsten terroristischer Vereinigungen nicht von den Menschen, die auf die Überweisungen aus dem Ausland angewiesen sind, bezahlt werden müssen.107

Neben den Überweisungen zur Unterstützung Angehöriger birgt m-banking auch das Potential, den Zahlungsverkehr zwischen Handelspartnern, insbesondere in Umgebungen, die informell organisiert sind, zu vereinfachen. Zudem können diese Services zur Zahlung von Rechnungen eingesetzt werden und somit administrative Kosten senken sowie die Zahlung für die Konsumenten vereinfachen. Darüber hinaus können mbanking-Systeme zur finanziellen Sicherheit der Nutzer beitragen. Nachdem viele Bewohner der Malediven durch die verheerenden Auswirkungen der Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004 auch ihre Ersparnisse in Form von Bargeld verloren hatten, installieren die Banken des Landes nunmehr ein einheitliches m-banking-System.108 Vergleichbare Systeme sind bereits unter anderem auf den Philippinen109 sowie in Südafrika110 implementiert und sollen aufgrund des immensen Erfolges dieser ersten mbanking-\r\nSysteme in zahlreichen weiteren Staaten folgen. LYMAN, T. R. & PICKENS, M. & PORTEOUS, D. (2008) heben in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit von klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Betrieb von m-banking-Services hervor.111

Mikrofinanzierung
Unter Mikrofinanzierung versteht man die Bereitstellung von Finanzdienstleistungen für arme Menschen, die von dem bestehenden System zur Nutzung solcher Services ausgeschlossen sind. Hierbei stehen Kleinstkredite zur Ermöglichung und Förderung wirtschaftlicher Aktivitäten im Vordergrund, um damit den Menschen zu einem Weg aus ihrer Armut zu verhelfen. Ohne die Mikrofinanzierungsinstitute, deren bekanntester Vertreter die Grameen Bank ist, sind diese Menschen in der Regel gezwungen, die Kredite über informelle Kanäle zu beziehen, was häufig mit hohen Zinsen verbunden ist.112 Das Konzept der Armutsbekämpfung durch die Bereitstellung von Mikrokrediten wurde erstmals Mitte der 1970er Jahre in Bangladesch und Lateinamerika angewandt. Nach ersten Erfolgen fand es weltweit immer weitere Verbreitung und wird heute von den Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit unterstützt und eingesetzt.

Die Auslieferung und Verwaltung der Finanzdienstleistungen stellt eine enorme Herausforderung im Informationsmanagement für die Mikrofinanzierungsinstitute dar. Hierbei schafft die zunehmende Verfügbarkeit der Mobilfunknetzwerke Möglichkeiten, diesen Herausforderungen effektiver zu begegnen und somit mehr Menschen von den Services profitieren zu lassen.113

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89 Anm. des Verfassers: In diesem Bereich existiert keine einheitliche Nomenklatur. Es werden synonym auch Begriffe wie branchless banking, m-payment, m-transfers oder m-finance verwendet, je nachdem welcher Service genau angesprochen wird. Dem Verfasser erscheint für die Ausführungen in dieser Arbeit der Begriff m-banking jedoch am besten geeignet, da er die Funktion der Anwendungen am besten umschreibt.
90 Anm. des Verfassers: Komplexere Finanzdienstleistungen wie beispielsweise Versicherungen werden derzeit von m-banking-Services in Entwicklungsländern nur sehr eingeschränkt angeboten. Dies hängt vor allem mit den Schwierigkeiten der Abbildung der Services per SMS oder Voicemail (s. Glossar) zusammen.
91 vgl. Donner, J. & Tellez, C. (2008), S. 3ff
92 vgl. heise mobil, 28.04.2008
93 Anm. des Verfassers: Die Menschen ohne Zugang zum formellen Finanzsystem werden auch als „the unbanked“ bezeichnet.
94 vgl. Kabbucho, K. & Sander, C. & Mukwana, P. (2003), S. 2f
95 vgl. Black, R. (2004), S. 17f; de Haas, H. (2007), S. 25ff; Zhu, N. & Luo, X. (2008), S. 23ff
96 vgl. Donner, J. & Tellez, C. (2008), S. 4
97 vgl. Safaricom Limited, 03.06.2008
98 vgl. Morawczynski, O. (2008), S. 2ff
99 vgl. Ivatury, G. & Mas, I. (2008), S. 11f
100 Anm. des Verfassers: Der Betrag entspricht ca. 86 Millionen Euro.
101 vgl. Morawczynski, O. (2008), S. 2f
102 vgl. Vodafone, 04.06.2008
103 vgl. International Fund for Agricultural Development, 09.05.2008
104 vgl. Ling, J. (2008), S. 64
105 Anm. des Verfassers: Hierbei geht es in erster Linie um Antiterror-Gesetze und die Gesetze zur Verhinderung von Geldwäsche.
106 vgl. AllAfrica Global Media, 01.06.2008
107 vgl. de Luna Martínez, J. (2006), S. 22ff
108 vgl. British Broadcast Corporation, 02.08.2008
109 vgl. Mendes, S. & Alampay, E. & Soriano, E. & Soriano, C. (2007), S. 8ff
110 vgl. WIZZIT, 02.06.2008
111 vgl. Lyman, T. R. & Pickens, M. & Porteous, D. (2008), S. 17ff
112 vgl. Consultative Group to Assist the Poor, 05.08.2008
113 vgl. Parikh, T. S. (2007), S. 12ff