4.4.4 Bildungssektor - m-learning

Bildung ist einer der Schwerpunkte innerhalb der Millennium Development Goals, nach denen bis 2015 allen Menschen mindestens eine sechsjährige Schulbildung ermöglicht werden soll ("Education for All"). Wie können Informations- und Kommunikationstechnologien und insbesondere der Mobilfunk dazu beitragen, dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen?

Mit der steigenden Popularität des Internets seit Mitte der 1990er Jahre bemühen sich auch Entwicklungshilfeorganisationen um Möglichkeiten, mit Hilfe von Informationsund Kommunikationstechnologien (IKT) die Qualität der Bildung in Entwicklungsländern zu verbessern. Häufig in Zusammenarbeit mit Computer-Recycling-Initiativen wie zum Beispiel "World Computer Exchange", welche ausgemusterte PCs aus den Industrieländern gebrauchsfertig machen und in Entwicklungsländer vermitteln, versuchen diese Initiativen, Schulen mit Computern und Internetkonnektivität auszustatten.

Dabei haben die Organisatoren dieser Programme mit vielfältigen Problemen zu kämpfen. Neben schwierigen klimatischen Verhältnissen, die bei nicht entsprechender Lagerung zur Schädigung der Hardware führen, inkonsistenter oder nicht vorhandener Stromversorgung ist häufig kein geschultes Personal für den Umgang mit und die Wartung von Computern verfügbar.153 Zusätzlich muss insbesondere in ländlichen Gegenden die Verbindung zum Internet häufig über Satellitenverbindungen hergestellt werden, deren Kosten zumeist nicht dauerhaft tragbar sind.154 Darüber hinaus sind häufig für den Bildungsbereich wichtige, spezialisierte Inhalte in der Landessprache nicht verfügbar. Die bisher spektakulärste Initiative dieser Art ist das One Laptop per Child (OLPC) Projekt, die einen kostengünstigen und speziell auf die Bedürfnisse von Kindern in Entwicklungsländern zugeschnittenen Laptop entwickelte, um deren Bildungschancen zu erhöhen.155

Die Verfügbarkeit des Mobilfunks eröffnet in diesem Zusammenhang neue Chancen. Zugleich sind die Schwierigkeiten, komplexe Inhalte mit den derzeitigen Einschränkungen auf Sprachdienste und SMS abzubilden, ein begrenzender Faktor im m-learning.

MobilED
Im Mittelpunkt des von mehreren Universitäten in Afrika und Europa sowie weiteren Organisationen entwickelte MobilED Projekts steht ein "mobiles Audio-Wikipedia". Die Benutzer können per SMS einen Suchbegriff an das System schicken, welches wiederum den Nutzer anruft und mit Hilfe einer Sprachsoftware den in der Datenbank gespeicherten Eintrag vorliest. Dabei kann der Angerufene durch den Inhalt navigieren, indem er zwischen Sektionen springen oder vor- und zurückspulen kann. Anschließend kann der Nutzer diesen Beitrag an beliebiger Stelle ergänzen oder, sollte noch kein Eintrag zu dem Suchbegriff vorhanden sein, einen neuen Eintrag in Sprachform verfassen.156

In einem Pilotprojekt wurde das Konzept im Jahre 2006 an einer Privatschule und einer staatlichen Schule in Südafrika getestet. Obwohl die Schüler an der staatlichen Schule keine Erfahrung im Umgang mit Computern hatten und kein eigenes Mobiltelefon besaßen, waren sie problemlos in der Lage, die Technologie schnell anzuwenden und auch zukünftig zu benutzen. Die Lehrer konnten die Technologie ebenso problemlos nutzen und sich somit auf die Konzeption der Inhalte konzentrieren anstatt sich in die Benutzung eines PCs einarbeiten zu müssen.157

Das Projekt versetzt somit alle Beteiligten in die Lage, auf einfache Art und Weise eigene Inhalte zu erstellen und diese gleichzeitig anderen zugänglich zu machen. Das Grundsystem dieser Anwendung ist nicht spezifisch für pädagogische Anwendungen entwickelt worden, sondern stellt mit seinem Fokus auf die Zugänglichkeit via Mobiltelefon ein intelligentes Werkzeug zum Wissensaustausch allgemein dar. Die integrierte und vom Projektteam eigens entwickelte Software ist auf Open Source158 Basis frei zugänglich159 und kann somit in vielen Szenarien eingesetzt werden. Derzeit wird die Software zu einem "Local Community Service" mit einem Marktplatz, einer Jobbörse und zusätzlichen Komponenten weiterentwickelt.160

Während auf der Nutzerseite lediglich die Kosten für den SMS-Versand anfallen, können bei einem großflächigen Einsatz die entstehenden Kosten durch die Kommunikation vom System zum Nutzer laut der Projektgruppe eine problematische Größe annehmen.

MILLEE - Informeller Englischunterricht in Indien
Ein anderes Projekt wird an der University of California, Berkeley, unter dem Titel Mobile and Immersive Learning for Literacy in Emerging Economies (MILLEE) entwickelt. Mit Hilfe von Spielen auf Mobiltelefonen sollen bei dem Pilotprojekt in Indien die Englischkenntnisse von Kindern und Jugendlichen verbessert werden. Dies ist wichtig, da Englisch in Indien neben Hindi offizielle Verkehrssprache ist und das Beherrschen der englischen Sprache die Bildungs- und Berufschancen von Jugendlichen erhöht. Die Notwendigkeit der Initiative ergibt sich aus dem Umstand, dass vor allem in den ländlichen Gebieten die Qualität des Unterrichts ungenügend ist oder Kinder der Schule fernbleiben, da sie beispielsweise zum Einkommen der Familie beitragen müssen.161 Gemäß den Initiatoren nahmen die teilnehmenden Jugendlichen den gewählten Ansatz während der ersten Pilotphase gut an und konnten ihre Sprachkenntnisse verbessern. Um eine fundiertere Datenbasis für eine Evaluation zu erhalten und weitere Erkenntnisse über eine optimale Gestaltung der Spiele zu gewinnen, soll nun versucht werden, das Projekt auszuweiten.162

Bridgeit - Lehrinhalte per SMS in den Klassenraum
Das aus einem Zusammenschluss der Pearson Foundation, Nokia, der International Youth Foundation und dem United Nations Development Program entstandene Projekt Bridgeit stellt digitale Lehrmaterialien zur Förderung der Lehrqualität in Schulen ohne Internetanbindung bereit. Die beteiligten Schulen erhalten ein Fernsehgerät, einen Receiver, der über eine Satellitenverbindung Lehrsendungen empfängt, und ein Mobiltelefon, mit dem die Lehrkräfte ausgewählte Inhalte per SMS anfordern können.

Der typische Ablauf zur Bereitstellung gestaltet sich wie folgt: Der Lehrer sucht über das Menü des Receivers die passende Sendung für die Lehrinhalte des folgenden Tages heraus und "bestellt" sie per SMS. Bis zum nächsten Tag wird die Sendung über eine Satellitenverbindung auf den Receiver übertragen und kann anschließend genutzt werden. Die Inhalte der Sendungen sind interaktiv gestaltet, auf den Lehrplan abgestimmt und werden als Unterstützung der Lehrkräfte für eine verbesserte Vermittlung der Lehrinhalte verstanden. Gleichzeitig wirkt die Initiative dem Problem entgegen, dass besonders in ländlichen Regionen die Lehrmaterialien veraltet sind.163

Das Pilotprojekt lief unter dem Namen "text2teach" auf den Philippinen, erreichte dort über 100.000 Grundschüler und führte laut der projekteigenen Evaluation zu einer Verbesserung der Lernergebnisse um 11-19%.164 In diesem Jahr wird das Programm erweitert und in Tansania implementiert.165

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153 vgl. Gaible, E. & Burns, M. (2005), S. 27ff
154 vgl. Farrell, G. & Isaacs, S. (2007), S. 9f
155 vgl. One Laptop Per Child, 06.08.2008
156 vgl. Ford, M. & Botha, A. (2007), S. 4ff
157 vgl. van den Berg, M. & Aucamp, F. (2007), S. 6ff
158 Anm. des Verfassers: s. Glossar
159 vgl. Ford, M. & Botha, A. (2007), S. 8
160 vgl. MobilED, 15.08.2008
161 vgl. Mobile and Immersive Learning for Literacy in Emerging Economies, 16.09.2008
162 vgl. ShareIdeas, 16.09.2008
163 vgl. Nokia Corporation, 14.09.2008; Pearson Foundation, 14.09.2008; International Youth Foundation, 14.09.2008; ShareIdeas, 14.09.2008
164 vgl. Pearson Foundation, 14.09.2008
165 vgl. International Youth Foundation, 14.09.2008