4.4.2 Agrarsektor - m-agriculture

Ein Fokus der Millennium Development Goals liegt auf der Hilfe für Menschen, die in absoluter Armut leben. Obgleich die materielle Armut nur einen Punkt auf der Agenda der Milleniumserklärung darstellt, bedingt sie zum Teil die anderen definierten Probleme in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Bildung der betroffenen Menschen und hat daher eine herausragende Bedeutung.

Nach der Definition der Weltbank leben ca. 75% dieser Menschen in den ländlichen Regionen der Entwicklungsländer114 und bestreiten ihren Lebensunterhalt vorrangig durch landwirtschaftliche Tätigkeiten. Hierbei darf nicht ignoriert werden, dass es sich um einen statistischen Wert handelt und die formulierten Problemstellungen nicht ausschließlich diese Menschen betreffen. Dennoch bildet diese Definition die Grundlage dafür, den Menschen der ruralen Regionen eine besondere Aufmerksamkeit bei den Bemühungen zur Erreichung der MDGs zukommen zu lassen.

Traditionell beziehen die Landwirte in den ländlichen Regionen der Entwicklungsländer ihre Informationen über soziale Netzwerke, d.h. über interpersonelle Kommunikation auf Märkten, Versammlungen oder in Beratungszentren.115 Hierfür müssen sie häufig weite Wege zurücklegen und sind in der Konsequenz oft nicht ausreichend über aktuelle Preise, Anbaumethoden oder andere wichtige Grundlagen zur effektiven Bewirtschaftung ihres Landes informiert. Dadurch befinden sie sich in einer schlechten Verhandlungsposition beim Verkauf ihrer Produkte und schöpfen unter Umständen nicht das Potential der von ihnen bewirtschafteten Fläche aus.116 In diesem Zusammenhang können Mobiltelefone ein geeignetes Mittel sein, um eine Verbesserung der Lebensumstände der Landwirte zu erreichen.

TradeNet - Mobile Agrarbörse in Afrika
TradeNet ist ein von der ghanaischen Softwarefirma BusyLab betriebenes Marktinformationssystem für Agrarprodukte in Afrika. Die Bemühungen um die Etablierung von Agrarinformationssystemen sind in der jüngeren Vergangenheit weltweit in vielen Entwicklungsländern zu beobachten.117

Besonders hervorzuheben ist das Softwaredesign, das auf die Nutzung des Systems durch Mobiltelefone zugeschnitten ist und die Durchführung sämtlicher Abfragen und Eingaben per SMS ermöglicht. Alle Informationen können auch auf der Internetseite abgefragt und eingegeben werden. Da der Großteil der Nutzer jedoch nicht über einen Internetzugang via PC verfügt, sehr wohl aber über Zugang zu einem Mobiltelefon, ist dies der entscheidende Unterschied zu vorherigen Marktinformationssystemen, wie sie auch für Märkte in Industrienationen bestehen.

Darüber hinaus zeichnet sich das System dadurch aus, dass es über ein reines Marktinformationssystem hinausgeht und den direkten, weltweiten Handel von Agrarprodukten zwischen Anbietern und Verkäufern ermöglicht. Kaufinteressenten können sehr genau spezifizieren, an welchen Angeboten sie interessiert sind und werden automatisch vom System per E-Mail oder SMS informiert, sobald ein passendes Angebot durch einen Produzenten eingestellt wird. Weiterhin bemüht sich TradeNet um eine insgesamt bessere Kooperation der Agrarakteure, um sie für die ansässige Industrie, welche die Agrarprodukte als Rohstoff benötigt, attraktiver zu machen. Diese Unternehmen benötigen meist eine bestimmte Menge von einem Agrarprodukt zu einem festgelegten Zeitpunkt in einer vordefinierten Qualität. Da die lokalen Märkte in der bestehenden Form zumeist schlecht organisiert sind, können sie diese Kriterien nicht erfüllen, weshalb die weiterverarbeitenden Unternehmen die Anbauprodukte häufig aus dem Ausland beziehen. Indem TradeNet den Produzenten die Plattform zur Veröffentlichung der voraussichtlichen Produktionsmengen bietet und aktiv auf die verarbeitende Industrie zugeht, versucht das Unternehmen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Interessant ist zudem, dass es sich bei TradeNet um ein privates Unternehmen handelt, dessen Applikation in Ghana und von ghanaischen Softwareentwicklern erarbeitet wurde. Der Basisdienst mit dem Empfang oder Versand von bis zu 100 SMS-Nachrichten pro Monat ist kostenlos. Für Produzenten und Händler, die ein höheres Volumen benötigen, stehen Abonnements in verschiedenen Größenordnungen zur Verfügung.

Bisher ist der Service von verschiedenen Hilfsprogrammen118 finanziell unterstützt worden. Um zukünftig die ökonomische Nachhaltigkeit von TradeNet sicherzustellen, plant das Unternehmen die Möglichkeit zur Einbindung von Werbung in die versendeten Nachrichten. Darüber hinaus erweiterte TradeNet das Portfolio an Dienstleistungen, so dass registrierte Kunden eigene kostenfreie Internetseiten erstellen können. In diese können wiederum weitergehende Funktionalitäten (z.B. Nutzung der Infrastruktur zur Verbreitung eigener Informationen) eingebunden werden, deren Nutzung kostenpflichtig ist.119

Die Nutzung von TradeNet ist für die Marktakteure in vielfacher Hinsicht nützlich. Durch Kenntnis der Marktpreise haben die Produzenten eine gestärkte Verhandlungsposition gegenüber den Händlern und können darüber hinaus den Kreis ihrer potentiellen Abnehmer um ein Vielfaches erweitern. Zusätzlich können sie die Beschaffung der benötigten Materialien wie Saatgut oder Düngemittel optimieren, da ihnen nun mehrere alternative Quellen zur Verfügung stehen. Gleichermaßen können die Käufer der Agrarprodukte auf ein vergrößertes Angebot zurückgreifen und somit ihren Einkauf optimieren.

Während Händler mit einem relativ hohen Bildungsniveau und einer besseren Kapitalausstattung als erstes die Technologie angenommen haben, bemüht sich TradeNet mit Hilfe von Partnerorganisationen darum, Landwirte in ländlichen Regionen über Info-Kioske und persönliche Beratung einzubinden.120

CELAC - Lokales Wissen für Farmer in Uganda
Das Collecting and Exchange of Local Agricultural Content (CELAC)-Projekt ist in ganz Uganda verwurzelt und bemüht sich mit einer Vielzahl von Ansätzen um die Dokumentation und Verbreitung von lokalem, für die Landwirtschaft relevantem Wissen. Die Initiative veranstaltet in regelmäßigen Abständen Treffen mit den Landwirten aus der Umgebung, um den Wissensaustausch zu fördern. Während dieser Treffen erarbeiten die Teilnehmer so genannte "best practices", um sie am Ende mit einem digitalen Aufnahmegerät festzuhalten.

Anschließend bearbeitet ein Mitarbeiter von CELAC die Audiofiles und pflegt sie, zusammen mit einer schriftlichen Ausarbeitung der Ergebnisse, auf der Internetseite der Organisation ein. Bei der Konzeption der Internetseite hat CELAC viele der so genannten "Web 2.0"-Applikationen integriert. Diese Applikationen, deren bekannteste Vertreter Wikis121 und Weblogs122 sind, zeichnen sich durch die vereinfachte Veröffentlichung von Inhalten im Internet aus, für die sonst Expertenwissen benötigt wurde. In den Zentren von CELAC bietet die Organisation den Landwirten die Möglichkeit zur Computernutzung mit Internetanbindung, so dass sie auch außerhalb der Treffen ihr Wissen teilen können. Darüber hinaus werden die Inhalte monatlich in Printform, auf CD und in einem Radioprogramm veröffentlicht, um sie auch in Gegenden ohne Internetanbindung zugänglich zu machen. Aufgrund der begrenzten Internetkonnektivität sind Mobiltelefone einer der wesentlichen Distributionskanäle, über den CELAC einmal wöchentlich Informationen rund um landwirtschaftliche Themen an die Abonnenten in der vom Nutzer gewählten Sprache (Englisch oder Luanda) versendet. Ebenso können die Landwirte per SMS Mitteilungen für andere Landwirte oder Fragen an die Organisation senden, welche dann wiederum über das System verteilt werden. Gleichermaßen können sie in Notfällen, wie etwa bei Schädlingsbefall oder Tierseuchen in ihrer Region, gewarnt und mit Informationen zur Prävention versorgt werden.123

DEAL India - Web 2.0 auf Hindi
Auch das Indian Institute of Technology in Kanpur bemüht sich mit dem Projekt Digital Ecosystem for Agriculture and Rural Livelihood (DEAL) um die Informationsvermittlung für Landwirte mit Hilfe von IKT. Das Projekt umfasst derzeit fünf so genannte "Agricultural Knowledge Centers", welche für die Agrarberatung von 46 Dörfern und ca. 300.000 Menschen zuständig sind.

Das Herzstück des Projektes bildet ein Audioblog124, in dem die aufgezeichneten Fragen der Landwirte von Experten oder anderen Landwirten beantwortet und kommentiert werden. Aufgrund der hohen Analphabetismusrate in ländlichen Regionen ist die Informationsvermittlung via Audio wichtig, um diese Zugangsbarriere zur Informationsbeschaffung zu beseitigen. Darüber hinaus besteht in diesen Regionen häufig eine Tradition in der Wissensweitergabe in mündlicher Form und ist somit für die Landwirte leichter zugänglich.

Ein Team von 40 Agrarexperten prüft die Beiträge vor der Freischaltung, um die Qualität der Inhalte zu gewährleisten. Während die Farmer zu Beginn des Projektes nur in den Agricultural Knowledge Centers die benötigte Technologie zur Nutzung des Systems vorfanden, will das Projektteam die Nutzung über Mobiltelefone innerhalb dieses Jahres realisieren. In den ersten neun Monaten des Projektes entstanden 1.200 Diskussionen um Agrarthemen, was als Zeichen der Annahme dieses Ansatzes durch die Landwirte gewertet werden kann.125

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114 vgl. The World Bank (Hrsg.) (2007), S. 1
115 vgl. Mandler, A. (2008), S.74
116 vgl. International Institute for Communication and Development (Hrsg.) (2006), S. 27
117 vgl. Mukhebi, A. (2004); Open Academy for Philippine Agriculture, 02.08.2008; British Broadcast Corporation, 02.08.2008 118 Anm. des Verfassers: TradeNet wurde unter anderem durch die U.S. Agency for International Development finanziell gefördert.
119 vgl. Balancing Act, 24.07.2008; TradeNet, 24.07.2008; Wageningen UR, 25.07.2008
120 vgl. ICTUpdate, 03.08.2008
121 Anm. des Verfassers: s. Glossar
122 Anm. des Verfassers: s. Glossar
123 vgl. Collecting and Exchange of Local Agricultural Content, 10.08.2008; Guzman, M. S. (2007), S. 71ff
124 Anm. des Verfassers: Ein Audioblog bezeichnet ein Weblog (s. Glossar), in dem die Inhalte vornehmlich aus Audiodateien bestehen.
125 vgl. Web2forDev, 11.08.2008; DEAL India, 11.08.2008; Mandler, A. (2008), S.76f