3.2 Aktueller Stand der Umsetzung

Das Verfassen dieser Arbeit fällt in die Mitte des gesteckten Zeitrahmens zur Umsetzung der MDGs. In dem aktuellsten Millennium Development Goals Report der Vereinten Nationen17 aus diesem Jahr wird eine Bilanz der ersten Jahre gezogen, welche im Folgenden zusammengefasst wiedergegeben wird. Abb. 1 zeigt die regionale Umsetzung in komprimierter Form.

MDG 1: Extreme Armut und Hunger beseitigen
Unterziel 1: "Die Zahl der Menschen, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben, soll um die Hälfte gesenkt werden."18
Unterziel 2: "Produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle, einschließlich Frauen und junger Menschen, verwirklichen."19
Unterziel 3: "Der Anteil der Menschen, die unter Hunger leiden, soll um die Hälfte gesenkt werden."20

Das Ziel, die Anzahl der hungernden und extrem armen Menschen zu halbieren, kann laut dem Bericht auf globaler Ebene erreicht werden. Allerdings werden die regionalen Unterschiede deutlich herausgestellt, wobei das Wirtschaftswachstum in Asien hauptverantwortlich für die positive Einschätzung ist, da sich die Situation beispielsweise in den Staaten Subsahara-Afrikas kaum verbessert hat. Zusätzlich droht die aktuelle Lebensmittelkrise21 das Erreichen dieses Ziels zu gefährden.

MDG 2: Grundschulausbildung für alle Kinder gewährleisten
Unterziel 4: "Alle Jungen und Mädchen sollen eine vollständige Grundschulausbildung erhalten."22

Während die durchschnittliche Versorgung mit schulischer Infrastruktur 2006 in den meisten Regionen auf mindestens 90% werden konnte, lag sie in den Staaten Subsahara-Afrikas trotz einer Steigerung von 13% seit dem Jahr 2000 nur bei 71%.

MDG 3: Gleichstellung und größeren Einfluss der Frauen fördern
Unterziel 5: "In der Grund- und Mittelschulausbildung soll bis zum Jahr 2005 und auf allen Ausbildungsstufen bis zum Jahr 2015 jede unterschiedliche Behandlung der Geschlechter beseitigt werden."23

In der Grund- und Mittelschulausbildung von Mädchen konnten Fortschritte erreicht werden. So näherte sich nicht nur die Behandlung von Mädchen der von Jungen an, auch besuchen Mädchen eher weiterführende Schulen als Jungen, wenn sie eine Grundschulausbildung abgeschlossen haben. Dennoch sind Mädchen und Frauen in höheren Bildungseinrichtungen der meisten Regionen weiterhin unterrepräsentiert. Auch im politischen Bereich stellt sich fortwährend ein großer Kontrast im Geschlechterverhältnis zuungunsten der Frauen dar, wobei die prinzipiell geringere Präsenz von Frauen in hohen politischen Ämtern als weltweites Merkmal beobachtbar ist. Ausnahmen bilden Staaten, deren politische Institutionen eine Geschlechterquote haben.

MDG 4: Die Kindersterblichkeit senken
Unterziel 6: "Die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren soll um zwei Drittel gesenkt werden."24

Wenngleich große regionale Unterschiede bei den Fortschritten in der Bekämpfung der Kindersterblichkeit zu beobachten sind, ist diese immer noch sehr hoch und das Erreichen der Senkung um zwei Drittel bleibt somit äußerst fraglich.

MDG 5: Die Gesundheit der Mütter verbessern
Unterziel 7: "Die Müttersterblichkeit soll um drei Viertel gesenkt werden."25

Zur Erreichung des Ziels, die Müttersterblichkeit um drei Viertel zu senken, wäre eine jährliche Senkung der Sterblichkeitsrate um 5,5% nötig. Tatsächlich konnte die Müttersterblichkeit auf globaler Ebene zwischen 1990 und 2005 aber nur um weniger als 1% gesenkt werden. Besonders dramatisch ist hierbei die Situation in Subsahara-Afrika und Südasien.

Unterziel 8: "Bis 2015 den allgemeinen Zugang zu Leistungen der Reproduktionsmedizin verwirklichen."26

Der Anteil von schwangeren Frauen in Entwicklungsländern, die zumindest eine Vorsorgeuntersuchung während der Schwangerschaft erhielten, erhöhte sich zwischen 1990 und 2000 von knapp 50% auf ca. 75%. Die World Health Organization (WHO) empfiehlt jedoch, mindestens vier Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft vorzunehmen. Daraus erschließt sich eine nur unzureichende Verbesserung der Reichweite der Gesundheitssysteme.

MDG 6: HIV/AIDS, Malaria und andere Krankheiten bekämpfen
Unterziel 9: "Die Ausbreitung von HIV/Aids soll zum Stillstand gebracht und zum Rückzug gezwungen werden."27
Unterziel 10: "Bis 2010 allgemeinen Zugang zu HIV/AIDS-Behandlung für alle Behandlungsbedürftigen sicherstellen."28

Obwohl die Zahl der HIV-Neuinfektionen zwischen 2001 und 2007 um ca. 10% weltweit gesenkt werden konnte, liegt diese Entwicklung weit hinter den gesteckten Zielen zurück. Die Versorgung der an AIDS leidenden Menschen konnte zwar verbessert werden, dies allerdings auch nur geringfügig. Mit Abstand am stärksten sind hiervon die Menschen in den Staaten Subsahara-Afrikas betroffen.

Unterziel 11: "Der Ausbruch von Malaria und anderer schwerer Krankheiten soll unterbunden und ihr Auftreten zum Rückzug gezwungen werden."29

Im Kampf gegen Malaria wurde vor allem auf die Prävention durch Moskitonetze gesetzt. Konsequent eingesetzt, konnten Krankheitsraten in den entsprechenden Gebieten um 70% gesenkt werden. Trotz der Bemühungen reichen die Ergebnisse weltweit bei weitem nicht an die Zielsetzungen heran. Ebenso ist die medizinischen Versorgung von Malaria-Patienten in den meisten Regionen weiterhin ungenügend. Ein weiterer Fokus liegt auf der Behandlung von Tuberkulose. Auch hier konnten Fortschritte erzielt werden, jedoch nicht in dem Maße, wie es ein Erreichen der MDGs erfordern würden.

MDG 7: Eine nachhaltige Umwelt gewährleisten
Unterziel 12: "Die Grundsätze der nachhaltigen Entwicklung sollen in der nationalen Politik übernommen werden; dem Verlust von Umweltressourcen soll Einhalt geboten werden."30
Unterziel 13: "Den Verlust an biologischer Vielfalt reduzieren, mit einer signifikanten Reduzierung der Verlustrate bis 2010."31

Die CO2-Emissionen sind insgesamt weiter gestiegen. Hauptverursacher sind hierbei nach wie vor die Industrienationen, wobei sich der Anteil der stark wachsenden Ökonomien in Asien erhöht hat. Die Waldrodung war im Durchschnitt in den Jahren 2000 - 2005 im Vergleich zum vorangegangen Jahrzehnt leicht rückläufig, jedoch trägt sie weiterhin maßgeblich zum Verlust der Biodiversität bei. Zusätzlich verschärft die Rodung der Waldbestände das Problem der globalen Erwärmung, indem weniger Kapazitäten zur Aufnahme der anthropogenen CO2-Emissionen verfügbar sind.

Unterziel 14: "Die Zahl der Menschen, die über keinen nachhaltigen Zugang zu gesundem Trinkwasser verfügen, soll um die Hälfte gesenkt werden."32
Unterziel 15: "Bis zum Jahr 2020 sollen wesentliche Verbesserungen in den Lebensbedingungen von zumindest 100 Millionen Slumbewohnern erzielt werden."33

Es leben immer noch ca. eine Milliarde Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. Obwohl sich die Situation insgesamt verbessert hat, sind insbesondere viele Menschen in Subsahra-Afrika und Ozeanien unterversorgt. Ebenso ist die Verfügbarkeit von sanitären Einrichtungen weit schlechter, als sie zur Erreichung der Zielsetzung sein müsste. Die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Slums ist vor allem an die beiden letztgenannten Punkten geknüpft, daher lässt sich auch für dieses Unterziel keine positive Zwischenbilanz ziehen.

MDG 8: Eine globale Partnerschaft im Dienst der Entwicklung schaffen
Unterziel 16: "Ein offenes Handels- und Finanzsystem, das auf festen Regeln beruht, vorhersehbar ist und nicht diskriminierend wirkt, soll weiter ausgebaut werden. Dies schließt eine Verpflichtung zu guter Staatsführung, zur Entwicklung und zur Beseitigung der Armut sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene ein."34
Unterziel 17: "Auf die besonderen Bedürfnisse der am wenigsten entwickelten Länder muss entsprechend eingegangen werden. Dazu gehören der zoll- und quotenfreie Marktzugang für die Exporte dieser Länder; die verstärkte Schuldenerleichterung für die hochverschuldeten armen Länder; die Streichung aller bilateralen öffentlichen Schulden dieser Länder; sowie eine großzügigere Entwicklungshilfe für Länder, die wirkliche Anstrengungen zur Senkung der Armut unternehmen."35
Unterziel 18: "Auf die besonderen Bedürfnisse der Binnenstaaten und der kleinen Inselentwicklungsländer muss entsprechend eingegangen werden."36
Unterziel 19: "Die Schuldenprobleme der Entwicklungsländer mit niedrigen und mittleren Einkommen müssen durch Maßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene umfassend und wirksam angegangen werden, damit ihre Schulden auf lange Sicht tragbar werden."37

Die bereitgestellten Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit durch die Industrieländer bleiben bisher deutlich hinter den Versprechungen zurück. Die Industrienationen veranschlagten im Jahre 2006 mehr als dreimal soviel Geld für landwirtschaftliche Subventionen als für Entwicklungshilfe. Als positive Entwicklung werden die Schuldenerlasse gewertet, die für viele stark verschuldete Entwicklungsländer zu einer signifikanten Entlastung führten. Der Marktzugang hat sich für die Entwicklungsländer nur wenig verbessert.

Unterziel 20: "In Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie sollen lebenswichtige Medikamente in den Entwicklungsländern zu erschwinglichen Preisen verfügbar gemacht werden."38

Die Versorgung mit Medikamenten ist aufgrund der hohen Preise für Produkte der internationalen Pharmakonzerne und einer fehlenden Strategie zur Entwicklung und Produktion von generischen Medikamenten in den Entwicklungsländern nach wie vor unzureichend.

Unterziel 21: "In Zusammenarbeit mit dem Privatsektor sollen die Vorteile der neuen Technologien, insbesondere der Informations- und Kommunikationstechnologien, verfügbar gemacht werden."39

Die Verfügbarkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien wurde stark erhöht. Der Mobilfunksektor erfuhr ein starkes Wachstum, während die Internetkonnektivität jedoch häufig auf dicht besiedelte Gebiete beschränkt ist.

Zusammenfassung
Wenngleich in Teilbereichen der MDGs Fortschritte erzielt worden sind, ist das bisher Erreichte als enttäuschend zu bezeichnen. Insbesondere für die Menschen in den Staaten Subsahara-Afrikas konnte nur in wenigen Bereichen eine Verbesserung der Lebensumstände festgestellt werden. Der wohl größte Fortschritt ist die gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber der Thematik Entwicklung und Entwicklungspolitik allgemein. Die MDGs sind ein geeignetes Mittel, das Thema immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken und die Verantwortlichen an ihre Zusagen zu erinnern. Somit kann die Milleniumserklärung zurecht als Meilenstein, als der sie gefeiert wurde, angesehen werden. Es ist gleichzeitig jedoch absehbar, dass die MDGs scheitern werden, sollten die Bemühungen zu deren Umsetzung nicht deutlich intensiviert werden.

Abb. 1: Millennium Development Goals: 2008 Progress Chart Größeres Bild in neuem Fenster

Millennium Development Goals: 2008 Progress Chart
Quelle: United Nations, 12.09.2008

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16 vgl. United Nations (Hrsg.) (2008), S. 4
17 United Nations (Hrsg.) (2008)
18 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
19 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
20 vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
21 vgl. Der Spiegel, 05.08.2008
22 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
23 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
24 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
25 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
26 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
27 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
28 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
29 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
30 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
31 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
32 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
33 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
34 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
35 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
36 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
37 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
38 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008
39 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 07.05.2008