2 Forschungsstand und Methodik

Die Quellenlage zu den Themen dieser Arbeit ist zweigeteilt. Während die Millennium Development Goals und deren fortlaufende Evaluation durch die Vereinten Nationen und andere Akteure der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sehr gut dokumentiert sind, ist die Forschung zur Mobilfunknutzung in Entwicklungsländern und dessen Auswirkungen noch sehr jung und die Anzahl an Veröffentlichungen dementsprechend begrenzt.

Die Arbeiten zur Wirkung von Mobiltelefonen auf Entwicklungsprozesse sind dem Forschungsbereich Information and Communication Technologies for Development (ICT4D) zuzuordnen. In den ersten Jahren konzentrierten sich die Forschungen und Aktivitäten auf computerbasierte Möglichkeiten zur Nutzung von digitalen Inhalten, insbesondere des Internets, zur Unterstützung von Entwicklungsprozessen. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die so genannte Telecentre-Bewegung, in deren Rahmen die unterschiedlichsten Akteure weltweit versuchen, der Bevölkerung in ländlichen Gebieten über zentrale Einrichtungen, ausgestattet mit Computern, Internetverbindung und weiterer multimedialer Ausstattung, den Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien zu ermöglichen.

Mit dem exponentiellen Wachstum der Mobilfunkmärkte in Asien, Lateinamerika und Afrika ab Ende der 1990er Jahre begann diese Technologie mit zeitlicher Verzögerung in den Fokus vieler Forschungsarbeiten zu rücken. Dieser Umstand und die sowohl inhaltlich als auch organisatorisch komplexen Anforderungen an eine Analyse der Auswirkungen dieser Technologie haben zur Folge, dass bis heute nur wenige Studien mit einer empirischen Datengrundlage existieren. Zu diesen gehören unter anderem die Studien von WAVERMAN, L. & MESCHI, M. & FUSS, M. (2005) und JENSEN, R. (2007) zu den ökonomischen Auswirkungen des Mobiltelefongebrauchs auf der Makro- bzw. Mikroebene sowie die Studie von DA SILVA, H. & ZAINUDEEN, A. & RATNADIWAKARA, D. (2008), welche die Mobilfunknutzung von einkommensschwachen Bevölkerungsschichten in fünf Staaten Süd- und Südostasiens analysiert.

Die zur Thematik veröffentlichten Studien stammen vorrangig von Ökonomen, Anthropologen und Soziologen. Geographische Studien zum Thema sind dem Autor nicht bekannt. Dieser Umstand überrascht, bietet doch das "klassische" Geographiethema Entwicklung und die äußerst raumwirksame Technologie des Mobilfunks ein fruchtbares Arbeitsfeld für Geographen. Sehr wohl existieren geographische Studien zum weiteren Themenkomplex ICT4D. In diesem Zusammenhang ist besonders das Geographische Institut der University of London zu erwähnen, welches sich stark im dortigen "ICT4D Collective at Royal Holloway" engagiert.10

Den bisher umfassendsten Einblick in den weltweiten Gebrauch von Mobiltelefonen und dessen Folgen geben CASTELLS, M. & FERNÁNDEZ-ARDEVÓL, M. & LICHUAN QIU, J. & SEY, A. (2007), die zudem einen nennenswerten Teil ihres Werkes dem Mobilfunk in Entwicklungsländern widmen. BATCHELOR, S. & EVANGELISTA, S. & HEARN, S. & PEIRCE, M. & SUGDEN, S. & WEBB, M. (2003) setzen 17 von infoDev initiierte Projekte, unter denen einzelne den Fokus auf den Mobilfunk legen, mit den MDGs in Verbindung. Weiterhin beziehen sich einzelne Studien und Artikel explizit auf die MDGs, jedoch ist nach Kenntnis des Autors keine Studie erstellt worden, welche das gesamte, sehr breite Anwendungs- und Wirkungsspektrum des Mobilfunks in Beziehung zu den MDGs setzt. Dies ist jedoch wichtig, um die Rolle des Mobilfunks im Entwicklungskontext beurteilen zu können. Durch die vorliegende Arbeit soll ein Beitrag zur Schließung dieser Lücke geleistet werden.

Um den Einfluss der Mobilfunknutzung auf die Bemühungen zur Umsetzung der MDGs in ihrer Gesamtheit beurteilen zu können, ist eine Betrachtung des gesamten Anwendungs- und Wirkungsspektrums des Mobilfunks notwendig. Die Fokussierung auf einen Teilbereich oder einzelne Projekte hätte dies unmöglich gemacht und wäre damit dem Ziel dieser Arbeit nicht gerecht geworden.

Die Begriffe "Industrieländer" und "Entwicklungsländer" werden in dieser Arbeit in dem Bewusstsein um deren Schwächen verwendet. Sie implizieren weder eine auf- noch abwertende Meinung seitens des Verfassers, sondern werden mangels Alternativen benutzt, ohne sie zu diskutieren, da hierfür im Rahmen dieser Arbeit kein Platz zur Verfügung steht.

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10 vgl. ICT4D Collective at Royal Holloway, University of London, 16.10.2008