1 Einleitung

"To get a sense of how rapidly cellphones are penetrating the global marketplace, you need only to look at the sales figures. [...] it took about 20 years for the first billion mobile phones to sell worldwide. The second billion sold in four years, and the third billion sold in two."1

Keine andere Technologie verbreitete sich bisher mit einer derartigen Geschwindigkeit Über den Globus wie der Mobilfunk. In den Jahren 2000 bis 2008 erhöhte sich die Anzahl der Mobilfunknutzer weltweit jährlich um 24%. Aufgrund dieser Entwicklung besitzt seit Anfang dieses Jahres - statistisch gesehen - jeder zweite Mensch ein Mobiltelefon.2 Während die Entwicklungsländer vom so genannten Internetboom seit den 1990er Jahren nur sehr bedingt erfasst wurden, sind sie nach der Saturierung der Märkte in den Industrieländern der Motor für das weltweite Wachstum im Mobilfunk. Seit dem Jahre 2003 gibt es mehr Mobilfunknutzer in den Entwicklungsländern als in den Industrienationen.3 Die weltweit höchsten Wachstumsraten verzeichnen die Netzbetreiber des von strukturellen Mängeln geprägten afrikanischen Kontinents4 und indische Mobilfunkanbieter registrieren pro Sekunde vier Neukunden.5

Parallel zu dem rasanten Wachstum der Mobilfunkmärkte bemühen sich die Akteure der internationalen Entwicklungszusammenarbeit seit dem Jahr 2000 um die Umsetzung der ehrgeizigen Millennium Development Goals (MDGs).6 Mit den MDGs wurden erstmals klare Zielsetzungen mit einem festen Zeitrahmen für deren Umsetzung definiert, die seitdem als Gradmesser für den Erfolg der internationale Entwicklungszusammenarbeit gelten. Aus dem Wachstum der Internetnutzung in den Industrieländern erwuchs das Bestreben der Entwicklungshilfeorganisationen, diese neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) für die Umsetzung der MDGs einzusetzen und deren Nutzung den Menschen in den Entwicklungsländern zu ermöglichen. Viele dieser Initiativen scheiterten an einer mangelnden Nachhaltigkeit in der Projektkonzeption, häufig bedingt durch eine zu starke Fokussierung auf die technischen Aspekte.7 Der Mobilfunk verspricht in diesem Zusammenhang neue Möglichkeiten, die IKT für Entwicklungsprozesse zu nutzen, indem auf eine etablierte Technologie zurückgegriffen werden kann.

Diese Betrachtungen führen zu der zentralen Fragestellung dieser Arbeit:

Inwieweit kann die Mobilfunknutzung zur Erreichung der Millennium Development Goals beitragen bzw. eingesetzt werden?

Um sich einer Antwort auf diese Frage annähern zu können, ist es notwendig, zunächst folgende Fragestellungen zu erörtern:

Welche Mobilfunktechnologien sind in welchem Umfang auf internationaler, nationaler und regionaler Ebene verfügbar? Welche determinierenden Faktoren liegen dem Wachstum der Mobilfunkmärkte zugrunde? Sind Unterschiede in der Nutzung des Mobilfunks zwischen den Entwicklungs- und Industrieländern zu erkennen? Welche im Entwicklungskontext relevanten Folgen ergeben sich aus der Nutzung dieser zunehmend verfügbaren Kommunikationstechnologie für die Menschen in Entwicklungsländern?

Der Einsatz von Kommunikationstechnologien im Entwicklungskontext ist nicht neu. Bereits in den 1960er Jahren versuchten die Akteure der Entwicklungszusammenarbeit über die Medien Radio und Fernsehen, die Bevölkerung mit entwicklungsrelevanten Informationen zu versorgen.8 Das größte Problem bei der Informationsvermittlung via Radio oder auch Fernsehen ist die Einseitigkeit und zeitliche Beschränkung des Informationsflusses.

Mit der Ausbreitung des Mobilfunks eröffnen sich in diesem Zusammenhang völlig neue Optionen. Erstmals steht weiten Teilen der Bevölkerung ein Kommunikationsmedium zur Verfügung, das eine zweiseitige, personalisierte und selbstbestimmte Kommunikation ermöglicht. Aus Sicht des Autors lassen sich hieraus grundsätzlich positive Auswirkungen der Mobilfunknutzung auf Entwicklungsprozesse antizipieren. Aufgrund der oben genannten Vorteile des Mobilfunks gegenüber anderen Kommunikationsmedien wird in dieser Arbeit folgende Hypothese vertreten:

"Die zunehmende Nutzung des Mobilfunks in den Entwicklungsländern wirkt sich positiv auf die Bemühungen zur Umsetzung der Millennium Development Goals aus."

Aus der formulierten Fragestellung ergibt sich der folgende Aufbau der Arbeit:

Um die vorliegende Arbeit in den Kontext anderer Forschungsarbeiten zu den Themen Millennium Development Goals und Mobilfunk in Entwicklungsländern einordnen zu können, wird zunächst eine Bestandsaufnahme des aktuellen Forschungsstandes vorgenommen und die Methodik dieser Arbeit erläutert.

Anschließend erfolgt eine Einführung in die Millennium Development Goals und den aktuellen Stand ihrer Umsetzung. Diese dient der Darlegung der Problemstellungen in dessen Kontext die Mobilfunknutzung betrachtet werden soll. Auf eine inhaltliche Analyse und Bewertung der MDGs verzichtet der Verfasser bewußt, da dies im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten ist.9

Das darauf folgende Kapitel wird einer umfassenden Analyse der Entwicklung und Wirkung des Mobilfunks in Entwicklungsländern gewidmet. Nach einem kurzen Überblick über die Charakteristika und technische Entwicklung des Mobilfunks wird die globale Entwicklung der Nutzung und Konnektivität sowie deren Ursachen aufgezeigt, um anschließend den Fokus der Arbeit auf die Mobilfunknutzung und deren Auswirkungen in den Entwicklungsländern zu legen. Zunächst werden hierbei die vielfältigen ökonomischen Impulse des Mobilfunks sowohl auf der Makroebene als auch auf der Mikroebene analysiert. Im Anschluß erfolgt die Identifizierung und Erläuterung der Anwendungsbereiche des Mobilfunks in Entwicklungsländern. Hierzu legt der Verfasser entsprechende Problemstellungen dar und präsentiert Unternehmen, Projekte und Initiativen, die durch die Nutzung des Mobilfunks Lösungsansätze anbieten. Das Kapitel schließt mit einem Ausblick auf die mögliche zukünftige Nutzung des Mobilfunks in Entwicklungsländern. Um eine Einschätzung zukünftiger Potentiale geben zu können, ist die Betrachtung der technologischen Entwicklung des Mobilfunks und dessen Verfügbarkeit von zentraler Bedeutung, da sie einen wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung der Mobilfunkanwendungen nehmen.

Die Entstehung neuer Anwendungen im Mobilfunksektor weist eine außerordentliche Dynamik auf. In maximal monatlichen Abständen sind neue Anwendungen verfügbar, die auch für diese Arbeit relevant wären. Daher besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass mit Beendigung dieser Arbeit bereits eine Vielzahl von Anwendungen existieren, die in hier keine Erwähnung finden. Der Verfasser ist sich dieser Problematik bewußt und hat sich daher darum bemüht, die seiner Meinung nach derzeit bedeutendsten und wirksamsten Anwendungen im Rahmen dieser Arbeit vorzustellen. An ihnen wird die Wirkung der Mobilfunknutzung für den jeweiligen Anwendungsbereich exemplarisch aufgezeigt.

Die aus der Analyse der Mobilfunknutzung und dessen Wirkungsweisen gewonnenen Erkenntnisse nutzt der Verfasser anschließend, um eine Einschätzung des Einflusses der Mobilfunknutzung auf die Umsetzung der Millennium Development Goals vorzunehmen und abschließend ein Resümee zu ziehen.

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Kap. 2 »

1 New York Times, 21.10.2008
2 vgl. International Telecommunication Union, 22.10.2008
3 vgl. Abb. 3
4 vgl. International Telecommunication Union, 22.10.2008
5 vgl. cellular-news, 24.10.2008
6 vgl. Kapitel 3
7 vgl. Heeks, R. (2008), S. 27ff
8 vgl. Hermenau, J. (2005), S. 50ff
9 Anm. des Verfassers: Zur Diskussion um die Legitimität der MDGs als Handlungsrahmen der Entwicklungspolitik sei unter anderem auf Nuscheler, F. & Roth, M. (Hrsg.) (2006) verwiesen.